Eine sogenannte Lockout-Rally wie aus dem Lehrbuch: Der Nasdaq nimmt jede positive Nachricht dankbar auf, jeden Rücksetzer als Einstiegschance. Das Narrativ klingt vertraut: eine bahnbrechende Technologie verspricht Produktivitäts- und Gewinnsprünge auf breiter Front. Ende der 90er war es das Internet, heute die KI. Auch damals warnten Stimmen früh vor überzogenen Bewertungen, während sich Highflyer wie Cisco ungeachtet dessen binnen Monaten weiter vervielfachten. Die Folge: steigende Cash-Quoten der Vorsichtigen, bis die letzten Skeptiker kapitulieren. Märkte können erstaunlich lange an einer „Wall of Worry“ (Wand der Sorge) nach oben laufen, ohne dass Sentiment und Positionierung heißlaufen.

Trump dirigiert die Risikoprämie

Diese Wall of Worry liefert aktuell der Iran-Krieg samt Inflations- und Lieferkettenrisiken, der Anleihemarkt reagiert bereits sichtbar. Doch genau hier setzt die Trump-Regierung an. Über Social-Media-Posts und an Häuser wie das US-Nachrichtenportal Axios durchgestochene Friedensdeal-Hoffnungen werden an neuralgischen Punkten platziert, insbesondere wenn die zehnjährige US-Rendite im Begriff ist, die Schwelle von 4,4% zu überschreiten. Auffällig große Orderflows in die „richtige“ Richtung kurz vor solchen Meldungen verstärken die Wirkung, faktisch eine staatlich orchestrierte Volatilitätsabsicherung. Das Sentiment kann gar nicht zu bullish werden, weil reale Sorgen bestehen. Der Treibstoff der Rally wird politisch nachgefüllt, sobald die Glut zu erlöschen droht.

Zinsen? Inflation? Rundungsfehler in den Wachstumsprojektionen!

Die Parallele zu 1999 reicht weiter: Auch damals stiegen die Zinsen in noch luftigere Höhen. Zwei Monate vor dem Hoch im Nasdaq lag die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe bei fast 7%. Doch die gigantischen Wachstumsprojektionen durch das Internet ließen die Kapitalkosten wie Rundungsfehler in den Gewinnmodellen wirken. Genauso ignoriert der Markt heute ausbleibende Fed-Cuts, ein strukturell höheres Zinsniveau, den aufkommenden inflationären Druck und die Auswirkungen des Iran-Krieges. Gleichzeitig steigen die New-Orders-Komponente des ISM-Index (Institute for Supply Management) derzeit kräftig und signalisieren Expansion. Dass Unternehmen Nachfrage vor drohenden Iran-Disruptionen vorziehen könnten, blendet der Markt aus. Es zählt nur die Bestätigung des Bull Case. Das Momentum im Nasdaq trägt bereits jetzt historische Züge und zeigt eine klassische Meltup-Dynamik. Solange Washington den Friedensjoker zieht und die KI-Story trägt, bleibt der Pfad des geringsten Widerstands kurzfristig wohl weiter nach oben.