Künstliche Intelligenz

Nvidia sorgt für Beruhigung, der Anleihemarkt für Sorgen

Nvidia glänzt mit starken Quartalszahlen und einem Ausblick, der die KI-Fantasien stützt. Doch die gewaltigen Investitionen der US-Techriesen in Chips und Rechenzentren geben zu denken.

Klaus Brune,
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Nvidia Logo © Bingjhen - stock.adobe.com

Nvidia musste liefern – und lieferte am Mittwochabend (19.11.) eindrucksvoll. Mit den Zahlen zum dritten Quartal und vor allem einem optimistischen Ausblick auf das vierte Quartal hat der Chiphersteller die Märkte (vorerst) beruhigt. Umsatz und Gewinn lagen deutlich über Erwartungen, für das vierte Quartal wird ein weiterer Rekordumsatz prognostiziert. Tech-Anleger atmen auf: Die Nachfrage nach KI-Technologie bleibt stark. Die Aktie stieg nachbörslich um 6%, während DAX und EuroStoxx 50 am Donnerstag leicht zulegten.

Hinter der Euphorie stehen jedoch enorme Investitionen. Tech-Giganten stecken weiterhin massiv Geld in die KI-Infrastruktur, teilweise mehr, als sie aus eigener Kraft stemmen könnten. Nach Schätzungen werden Microsoft, Amazon, Meta und Alphabet in diesem Jahr zusammen rund 400 Mrd. US-Dollar in Rechenzentren und Chips investieren. Zum Vergleich: Die Investitionen aller S&P-500-Unternehmen sollen 2025 auf 1,2 Bio. US-Dollar steigen – der höchste Wert seit Beginn der Datenerhebung durch Trivariate Research im Jahr 1999. Goldman Sachs erwartet bis 2030 KI-bezogene Investitionen von insgesamt 3 bis 4 Bio. US-Dollar.

Tiefe Taschen reichen nicht

Zwar verfügen die US-Technologieriesen über prall gefüllte Kassen, doch insbesondere Meta und Alphabet, die vergleichsweise spät in den KI-Investitionswettlauf eingestiegen sind, spüren die Kosten der KI-Zukunft deutlich. Bei der Facebook-Mutter Meta erwarten Analysten, dass der Kassenbestand von rund 43,9 Mrd. US-Dollar im Jahr 2024 auf gut 34 Mrd. US-Dollar im Jahr 2026 sinkt. Bei der Google-Mutter Alphabet könnten die Bargeldreserven im gleichen Zeitraum von etwa 110 Mrd. auf rund 66 Mrd. US-Dollar schrumpfen.

Um die hohen Investitionen stemmen zu können, zapfen die Konzerne verstärkt den Anleihemarkt an. Amazon emittierte am Montag erstmals seit drei Jahren eine Dollar-Anleihe über 15 Mrd. Dollar. Meta begab im Oktober mit 30 Mrd. Dollar die größte Tech-Anleihe aller Zeiten. Oracle legte im September 18 Mrd. Dollar auf, Alphabet seit April Anleihen im Wert von über 6,75 Mrd. Dollar. Unter den fünf größten Jumbo-Anleihen des Jahres wurden vier von Tech-Werten begeben. Nur Microsoft und Apple, die beide ebenfalls auf hohen Barreserven sitzen, nutzten den Anleihemarkt bislang nicht.

Die großen Tech-Konzerne stecken derzeit rund 60% ihres operativen Cashflows in Investitionen. Die wachsende Inanspruchnahme des Anleihemarkts sorgt inzwischen für Unruhe: Laut Umfrage der Bank of America vom November sehen 45% der Fondsmanager die Gefahr einer KI-Blase als größtes Risiko und sprechen von rekordhohen „Überinvestitionen“.

Solche Muster kennt man aus früheren Innovationszyklen: Anfangs fließt so viel Kapital in neue Technologien, dass selbst kapitalstarke Unternehmen an ihre Grenzen stoßen. Goldman Sachs betont zwar, dass die KI-Investitionen trotz Hype aktuell noch unter 1% des US-BIP liegen – deutlich weniger als die bis zu 5% in der Dotcom-Ära. Doch die Erfahrung zeigt: Das Rennen um die Pole-Position bei neuen, transformierenden Technologien erzeugt immer Überinvestitionen. Am Ende profitieren nur wenige, viele gehen leer aus. Nach den jüngsten Kursanstiegen ist der US-Tech-Sektor noch höher bewertet. Die Kombination aus extrem hohen Investitionen und bereits stark gelaufenen Kursen schmälert die Chancen auf überdurchschnittliche Renditen in der Zukunft.

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