Gefährdet die KI das Geschäftsmodell von Softwarefirmen? Die aktuelle Panik erscheint übertrieben!
Die Angst vor einer Disruption durch KI-Agenten hat Gewinnmitnahmen bei Softwareaktien ausgelöst. Die Gefahr erscheint nicht unbegründet, aber es gilt zu differenzieren.

Der Ausverkauf im Software-Sektor ist momentan eines der großen Themen an den Aktienmärkten. Branchenplayer wie Adobe, Intuit, Salesforce, Servicenow oder SAP haben allein in diesem Jahr zwischen 15 und 30% verloren. Seit Mitte 2025 summieren sich die Verluste sogar auf 30 bis 50%. Dabei waren Software-Unternehmen in den vergangenen Jahren wegen der guten Skalierbarkeit ihrer Geschäftsmodelle und der daraus resultierenden hohen Gewinnmargen noch regelmäßig gefeiert worden. Für ein Umdenken sorgte das gerade heiß diskutierte Narrativ „KI frisst Software“. Investoren befürchten, dass Künstliche Intelligenz die Branche disruptieren wird, indem Entwickler oder auch ganze Programme durch KI-Agenten ersetzt werden. Ein breites Medienecho ruft in diesem Kontext gerade eine neue Anwendung („Claude Cowork“) des OpenAI-Rivalen Anthropic hervor, die unter anderem Dokumente in Anwaltskanzleien zusammenfassen, Apps und Tabellenkalkulationen erstellen und selbst unerfahrenen Mitarbeitern das Programmieren ermöglichen kann.
Als echten Gamechanger würden wir das zwar nicht bezeichnen, aber ganz klar als logische Weiterentwicklung eines Trends, der wahrscheinlich gerade erst am Anfang steht. KI-Agenten werden zukünftig immer mehr Arbeiten übernehmen und diese schneller und sorgfältiger erledigen als wir Menschen. Das gilt im Unternehmensbereich vor allem für Routinetätigkeiten, zum Beispiel im Rechnungswesen, in der Buchhaltung, im Personalwesen oder im Marketing. Viele Softwarelösungen werden hier sicher überflüssig und die Branchenplayer müssen sich wandeln, um auch in Zukunft noch erfolgreich zu sein.
Ohne brauchbare Daten ist selbst die KI wertlos
Ein Punkt, der bei der aktuellen Panik aber oft übersehen wird: Mitentscheidend für den Erfolg von KI-Lösungen ist immer die Datenbasis, mit der gearbeitet werden kann. Das merken private Nutzer in der praktischen Anwendung zum Beispiel, wenn bestimmte Informationen im Internet hinter einer Paywall versteckt sind, auf die Chat-GPT, Gemini und Co keinen Zugriff haben. Die Qualität der KI-Antwort kann dadurch entscheidend beeinflusst werden. Für Unternehmen stellt sich daher die Frage, inwieweit sie ihre oftmals sensiblen Daten den neuen „KI-Unternehmen“ zur Verfügung stellen wollen oder überhaupt können. Hier geht es neben der Datenqualität auch um Punkte wie Datenschutz (gerade hierzulande), das Rechtemanagement, Schnittstellen, Sicherheitsrisiken oder Haftungsfragen. Eine äußerst komplexe Angelegenheit und keine Routinearbeit mit klaren Standards.
Viele Firmen haben ihre Systeme in den vergangenen Jahren gerade erst so umgestellt, dass sie eine einheitliche Unternehmenssoftware nutzen können. Das alles wieder umzuwerfen, dürfte für die meisten zumindest in den kommenden Jahren kein Thema sein, zumal noch wenig bis gar keine Erfahrungswerte vorliegen. Und ein etabliertes ERP-System, das Kernprozesse im Unternehmen sicher und erfolgreich steuert, lässt sich bei allem Fortschritt der KI wahrscheinlich auch nicht so einfach und vor allem kostengünstig „nachbauen“. Wahrscheinlicher ist, dass gerade diese Programme durch KI deutlich leistungsfähiger werden und sich dadurch für die Firmen Chancen für eine noch bessere Monetarisierung ergeben.
Starke Schwankungen sind vorprogrammiert
Der breit angelegte Kursverfall im Softwaresektor bietet Anlegern aus unserer Sicht daher vor allem Chancen, da die Bewertungen vieler Firmen auf historisch niedrigem Niveau liegen, die Stimmung gegenüber dem Sektor extrem negativ ist und viele institutionelle Anleger in der Branche unterinvestiert sein dürften. Von heute auf morgen werden die meisten Softwarehersteller wegen KI keine substanziellen Kundenabgänge erleiden, so dass es selbst bei Aktien von gefährdeten Unternehmen starke Gegenbewegungen nach oben geben dürfte.
Wer es weniger spekulativ haben möchte, der setzt gezielt auf Firmen mit einem starken Daten- oder Integrationsgraben, die sich zudem durch eine hohe Prozess- und Compliance-Tiefe auszeichnen. Also Softwarefirmen, die mit ihren Systemen und Programmen tief in die Geschäftsabläufe ihrer Kunden eingebunden sind (wie zum Beispiel SAP – eine separate Analyse zu der Aktie folgt demnächst). Deren Lösungen lassen sich mit großer Wahrscheinlichkeit nicht so einfach von einem KI-Agenten übernehmen, wie das am Markt aktuell befürchtet wird. Genau weiß das natürlich keiner. Aber in der KI-Ökonomie gilt schon jetzt und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in der Zukunft: Wer Daten und Nutzungsrechte kontrolliert, der hat die Verhandlungsmacht.