Die KI-Flut hebt nicht mehr alle Boote
Erst die Kursexplosion in der zweiten Reihe, dann die Warnschüsse von Broadcom und Oracle: Am Tag des SpaceX-Börsengangs analysieren wir, worauf es in der KI-Branche in den nächsten Monaten ankommt.

An der großen Bedeutung der über die Märkte schwappenden KI-Welle gibt es nichts zu deuteln. Die vier großen US-Tech-Konzerne Amazon, Alphabet, Meta Platforms und Microsoft investieren 2026 zusammen rund 725 Mrd. US-Dollar in Rechenzentren, Chips und Stromversorgung. Das sind 77% mehr als im Vorjahr und mehr als doppelt so viel wie 2024. Goldman Sachs modelliert bis 2031 jährliche KI-Infrastrukturausgaben von 1,6 Bio. Dollar; McKinsey taxiert die Rechenzentrums-Investitionen bis 2030 auf knapp 7 Bio. Dollar. Wichtig: Diese Summen sind zunächst Pläne und Modellrechnungen. Die Nachfrage dahinter ist aber real und zunehmend vertraglich unterlegt. Zahlreiche Schlüsselfirmen melden, auf Quartale hinaus ausverkauft zu sein. Die gesicherten Auftragsbestände der großen Cloud-Anbieter erreichen Rekordhöhen. Am nachhaltigen Wachstum gibt es damit kaum Zweifel.
Der Pionier schlechthin ist Nvidia, das im Sommer 2023 die bis heute andauernde KI-Euphorie anzündete. Die Entwicklung des Chipspezialisten ist ein gutes Beispiel dafür, wie Erfolgsgeschichten an der Börse entstehen. Im Juni 2023 trauten Analysten dem Konzern für das Geschäftsjahr 2026/27 (per 31.1.) einen Gewinn von 1,01 Dollar je Aktie zu. Der Konsens implizierte jährliche Wachstumsraten zwischen 25% und 35%. Unter diesen Annahmen war das damalige 12-Month-Forward-KGV von 60 zumindest nicht günstig. Trotzdem hat sich die Aktie bis heute mehr als verfünffacht. Der Grund: Das Unternehmen pulverisierte mit seinen Zahlen und Ausblicken regelmäßig die Erwartungen. Aktuell liegen die EPS-Schätzungen für 2026/27 bei 8,89 Dollar, also fast neunmal so hoch wie vor drei Jahren. Obwohl die Aktie in Reichweite des Allzeithochs notiert, ist das KGV dadurch auf 20 gesunken.
Übertreibungen fernbleiben, Opportunitäten nutzen
Viele andere große Branchenplayer wirken trotz optimistischer Wachstumsprognosen ebenfalls nicht überbewertet. Daher hinkt der Vergleich mit der Internetblase rund um die Jahrtausendwende. Damals lagen die Multiples deutlich höher, weil die Kurse ohne steigende Unternehmensgewinne in die Höhe schossen. Trotzdem hat sich das Umfeld an den Börsen in den vergangenen Jahren verändert. Die Erwartungshaltung in der gesamten KI-Wertschöpfungskette ist mittlerweile so hoch, dass Entwicklungen wie bei Nvidia vom jetzigen Niveau aus nur schwer vorstellbar sind.

Der jüngste Hype liegt gerade hinter uns. Im April und Mai stürmten Anleger in die zweite und dritte KI-Reihe. Die Kurse von Speicherherstellern wie Micron (+195% seit Ende März) und SK Hynix (+160%), Chipdesignern wie AMD (+140%) oder spezialisierten KI-Rechenzentrumsbetreibern wie Nebius (+114%) haben sich in wenigen Wochen mehr als verdoppelt. Bei kleineren Werten fielen die Zuwächse sogar noch deutlich größer aus. Ein Haupttreiber dieser Rally: Spezialspeicher sind der neue Engpass der Branche, mit operativen Margen von zum Teil über 70% bei den Herstellern. Die Gewinnschätzungen für Micron wurden binnen Jahresfrist nahezu verzehnfacht. Erste Analysten sprechen von einem deutlich länger als üblich andauernden Aufschwung in diesem sonst sehr zyklischen Segment.
Auf der anderen Seite straft der Markt alles konsequent ab, was die hohen Erwartungen nicht vollständig erfüllt. Oracle verlor in dieser Woche nach grundsätzlich starken Zahlen (10.6.) zeitweise zweistellig an Wert, weil Investoren vor allem auf die zunehmende Verschuldung und den negativen freien Cashflow schauten. Zuvor hatte bereits die aus Sicht des Marktes nicht ausreichend euphorische Broadcom-Prognose (3.6.) den gesamten Halbleitersektor belastet. Die Aktien von Meta Platforms und Microsoft notieren trotz Rekordgewinnen unter ihrem Vorjahresniveau. Die Flut hebt also längst nicht mehr alle Boote.
Jetzt zählt mehr als nur das Wachstum
Gleichzeitig mehren sich potenzielle Risikofaktoren, die in den kommenden Quartalen an Bedeutung gewinnen könnten. Erstens die Finanzierung: Die notwendigen Investitionen werden längst nicht mehr allein aus dem laufenden Cashflow gestemmt. Laut UBS entsprechen die Investitionsausgaben der Hyperscaler 2026 nahezu 100% des operativen Cashflows. Im Zehnjahresdurchschnitt waren es 40%. Die weltweiten KI-bezogenen Anleiheemissionen dürften sich deshalb laut Morgan Stanley in diesem Jahr auf knapp 570 Mrd. Dollar mehr als verdoppeln. Alphabet ging zuletzt sogar noch einen Schritt weiter und sicherte sich über Aktienplatzierungen knapp 85 Mrd. Dollar frisches Eigenkapital. Zweitens die Abschreibungen: Unterstellt man für rund 2 Bio. Dollar an KI-Anlagen vereinfachend eine jährliche Abschreibung von 20%, ergäbe sich perspektivisch eine Belastung von etwa 400 Mrd. Dollar pro Jahr. Das würde die heutigen Gesamtgewinne der fünf großen Hyperscaler (inklusive Oracle) übersteigen.
Drittens die Monetarisierung: Gartner warnt, dass mehr als 40% der Projekte mit KI-Agenten bis Ende 2027 eingestellt werden könnten. Viertens die Kosteninflation: Die explodierten Speicherpreise helfen zwar den Herstellern, drücken aber auf die Margen vieler Hardwareanbieter. Fünftens die Kapitalbindung: Nach dem furiosen Cerebras-Debüt im Mai folgte heute (12.6.) das Börsendebüt von SpaceX. Mit einem Emissionsvolumen von 75 Mrd. Dollar ist es der größte Börsengang aller Zeiten. Mit Anthropic und OpenAI stehen weitere Schwergewichte vor der Tür. Hinzu kommen vermehrt Anleihe- und Aktienemissionen der großen Hyperscaler. Das alles dürfte Anlegerkapital in erheblichem Umfang binden und den Wettbewerb um die Aufnahmefähigkeit des Marktes deutlich verschärfen. Weitere mögliche Störfaktoren: Steigende Zinsen, Lieferschwierigkeiten, Produktionsengpässe, Exportbeschränkungen, Regulierungsmaßnahmen. Zudem ist in den USA eine zunehmend negative Stimmung gegenüber dem KI-Boom zu beobachten, gerade auch in der Politik. Erste lokale Genehmigungsstopps bremsen bereits den Bau neuer Rechenzentren.
Rückschläge als mögliches Einstiegsfenster
Unser Fazit: Die langfristigen Wachstumsperspektiven bleiben trotz der möglichen Hindernisse intakt. Der Ausbau der KI-Infrastruktur entlang der gesamten Wertschöpfungskette wird in den kommenden Jahren weiter voranschreiten. An den Börsen wächst wegen der genannten Risikofaktoren aber die Gefahr von Rückschlägen, wenn es temporär zu einem Stimmungsumschwung kommt. In solchen Korrekturphasen sollten Sie einen genauen Blick auf die etablierten, cash-starken Marktführer werfen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in Stressszenarien weiter wachsen dürften. Aktuell raten wir von Neuinvestments in diesem von großer Euphorie getragenen Sektor ab. Die laufenden Empfehlungen Nvidia (204,90 Dollar; US67066G1040) und ASML (1.597,60 Euro; NL0010273215) stufen wir jeweils auf Halten ab. Die Stoppkurse liegen bei 190 Dollar bzw. 750 Euro.