Für Edelmetallanleger war das erste Halbjahr ernüchternd. In Euro gerechnet liegt Gold seit Jahresbeginn 3% im Minus, Silber sogar 16%. Noch drastischer fällt die Bilanz gegenüber den Höchstständen aus: Gold verlor 24%, Silber mehr als 50%.

Besonders enttäuschend war die Entwicklung während der heißen Phase des Iran-Kriegs. Die Metalle gerieten gemeinsam mit den Aktienmärkten unter Druck und erfüllten damit gerade dann nicht ihre Funktion als Absicherung. Der Hauptgrund liegt in einer Kennzahl, die für Gold und Silber wichtiger ist als jede geopolitische Schlagzeile: der realen Rendite. Sie ergibt sich aus der Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen abzüglich der erwarteten Inflation. Damit zeigt sie, was Anleger nach Kaufkraftverlust verdienen – und wie teuer es im Vergleich ist, zinslose Edelmetalle zu halten.

Realzinsen auf Dreijahreshoch

Zu Jahresbeginn lag die reale Rendite noch bei 1,9%. Inzwischen sind es 2,4% – der höchste Stand seit 2023, als die USA gerade einen aggressiven Zinserhöhungszyklus hinter sich hatten. Jeder Anstieg macht Anleihen attraktiver und Gold im Gegenzug unattraktiver. Entsprechend gerieten die Edelmetalle deutlich unter Druck.

Für den Ausblick ist entscheidend: Die reale Rendite bewegt sich historisch eng mit dem Ölpreis, folgt diesem jedoch meist mit leichter Verzögerung. Mit dem wieder aufflammenden Momentum am Ölmarkt dürfte der Druck auf die Metalle daher zunächst bestehen bleiben.

Beruhigend ist immerhin, dass sich der Rücksetzer in seinem Ausmaß mit historisch üblichen Korrekturen nach parabolischen Anstiegen deckt. Solche Bereinigungen benötigen Zeit – und vollziehen sich nicht nur über den Preis, sondern auch über die Dauer.

Der Bullenmarkt bleibt intakt

Im großen Bild spricht weiterhin viel für die Edelmetalle. Ihre Gewichtung in den Anlegerportfolios ist nach wie vor gering. Auch der Übernahmezyklus im Minensektor, üblicherweise ein guter Indikator für den Reifegrad einer Edelmetallhausse, steckt noch in den Kinderschuhen.

Auf der Makroebene verschärft sich das US-Schuldenproblem weiter. Hinzu kommt eine strukturelle Verschiebung: Der Iran-Krieg dürfte das Petrodollarsystem destabilisieren, bei dem die USA Saudi-Arabien militärischen Schutz gewähren und im Gegenzug die Ölexporte in Dollar abgewickelt werden. Gerade die Glaubwürdigkeit dieses Schutzversprechens hat massiv gelitten.

Ein schleichender Bedeutungsverlust des Dollars und von US-Staatsanleihen zugunsten einer Remonetarisierung von Gold wäre die logische Folge. Wer ausreichend Zeit mitbringt, um weitere Schwankungen auszusitzen, findet auf dem aktuellen Niveau interessante Einstiegskurse.