Die Ölpreise sind explodiert, doch die klassische Angebotsreaktion bleibt aus: Trotz deutlich gestiegener Preise ist die Zahl der aktiven Öl- und Gasbohranlagen in den USA („US-Rig-Counts“) laut Baker Hughes auf 543 gefallen. Das ist ein Minus von 42 Anlagen bzw. rund 7% gegenüber dem Vorjahr. Den wöchentlich publizierten Rig-Count erhebt der US-Ölfelddienstleister Baker Hughes, er gilt als einer der wichtigsten Frühindikatoren für die Förderaktivität. Aus unserer Sicht ist die aktuelle Entwicklung das Gegenteil dessen, was die Lehrbuchökonomik bei einer historischen Angebotskrise erwarten lässt. Auch der internationale Rig-Count ist gegenüber dem Vorjahr um 3,5% zurückgegangen. Parallel dazu beobachten wir, dass kommerzielle Absicherer (Commercial Hedgers), darunter viele Produzenten, nur ein anämisches Absicherungsbedürfnis an den Öl-Futuremärkten zeigen, und das trotz des historisch hohen Preisniveaus.

Die unsichtbare Hand Washingtons

Verstärkt wird die Verzerrung aus unserer Sicht durch mutmaßliche Eingriffe der US-Regierung. Gut getimte Posts von Donald Trump auf Truth Social und, laut Industrie-Insidern, Verkäufe synthetischer Öl-Futures drücken den Preis künstlich, sodass die tatsächliche Knappheit nie sauber eingepreist wird. Am deutlichsten zeigt sich dies für uns an der Preisdiskrepanz zwischen physisch gelieferten Brent-Barrel und synthetischen Future-Kontrakten: Sie liegt derzeit bei über 20%. Eine historische Entkopplung. Für uns ein gefährliches Spiel: Je länger die Intervention anhält, desto brutaler dürfte die Nachholbewegung ausfallen, wenn das politische Kapital erschöpft ist. Hinzu kommt die Geopolitik. Die Zuspitzung an der Straße von Hormus hat vorgeführt, wie schnell dieses Nadelöhr zur Waffe wird, und wie wenig die USA dem entgegenzusetzen haben. Eine dauerhafte Risikoprämie für das latente Schließungsszenario halten wir daher für unvermeidlich.

Strategische Reserven treiben Nachfrage

Auf der Nachfrageseite sehen wir strukturellen Rückenwind: Der Aufbau strategischer Energiereserven, allen voran in Europa, Südostasien und Australien, dürfte den Verbrauch über Jahre stützen. Staaten wollen nicht noch einmal auf dem falschen Fuß erwischt werden. In Summe spricht vieles dafür, dass wir nicht die Spitze einer Bewegung sehen, sondern den Boden eines neuen Gleichgewichts. Die Verwerfungen am Energiemarkt enden nicht mit der Öffnung der Straße von Hormus. Und selbst die Öffnung liegt in weiter Ferne.