Funkstille bei der Fed – Märkte auf sich allein gestellt
Selten blickten die Märkte so orientierungslos auf eine Fed-Sitzung wie jetzt. Die sonst so verlässliche Forward Guidance gibt es vor der Sitzung am 10. Dezember nicht – Anleger sollten sich daran gewöhnen.

Wer sich dieser Tage darauf verlässt, dass die US-Notenbank die Märkte vorsorglich an die Hand nimmt, steht plötzlich auf schwankendem Boden. Selten war die Ungewissheit über den nächsten Schritt der Fed so groß wie jetzt. Das liegt nicht nur an einer inhaltlich gespaltenen Notenbank, sondern auch an einem Kalendereffekt: Thanksgiving verkürzt die Zeit für Signale.
Dabei galt die Fed lange als ein Muster an Planbarkeit. Ben Bernanke führte Transparenz, Janet Yellen Präzision, Jerome Powell Verlässlichkeit in die Forward Guidance der Notenbank ein. Meist war klar, ob ein Schritt kommt; spannend war der Ausblick auf die nächste Sitzung. Ende November 2025 ist davon wenig zu sehen. Im FOMC prallen Sichtweisen aufeinander, die Preisstabilität und Arbeitsmarkt sehr unterschiedlich gewichten. Powell sprach nach den letzten Beratungen von „stark unterschiedlichen Auffassungen“, ein weiterer Schritt im Dezember sei keineswegs „ausgemachte Sache“. Das vergangene Woche veröffentlichte Protokoll der Sitzung legte nahe, dass viele Notenbanker eine Senkung im Dezember für verfrüht hielten – die Wahrscheinlichkeit für eine Zinssenkung fiel laut CME FedWatch Tool auf 30%.
Drastischer Stimmungswandel
Doch die Zweifel hielten nicht. Der New Yorker Fed-Chef John Williams sprach am Freitag (21.11.) von Raum für „eine weitere Anpassung in naher Zukunft“, Christopher Waller verwies am Montag ebenso wie das Fed Beige Book am Mittwoch auf einen brüchigen Arbeitsmarkt – all das verstanden Händler als Einladung, Dezember-Cuts wieder einzupreisen. Zudem formiert sich um den von Donald Trump nominierten Powell-Kritiker Stephen Miran ein stimulierungsfreudiges Lager. Ob es stärker wird oder einfach nur lauter, ist unklar – die Erwartungen für eine Zinssenkung stiegen jedenfalls auf 85%.
Genau darin liegt das Risiko: Die Fed kann diese Erwartungen jetzt kaum noch beeinflussen. Am Thanksgiving-Wochenende schweigt sie laut ihrem offiziellen Kalender, am 29. November beginnt die Quiet Period – es herrscht also Funkstille bis zur Sitzung. Was heute eingepreist ist, bleibt unkommentiert. Es könnte passen. Oder eben nicht.
Für Anleger bedeutet das: Die Märkte navigieren ohne klare Orientierung durch die Notenbank. Am 10. Dezember sind deutliche Ausschläge wahrscheinlich – besonders, falls die dann vorherrschende Markterwartung verfehlt wird. Und weil die Datenlage volatil bleibt und der Offenmarktausschuss zunehmend heterogener agiert, spricht vieles dafür, dass auch die drei Sitzungen unter Powells verbleibender Amtszeit – Ende Januar, Mitte März und Ende April 2026 – ohne die sonst übliche Forward Guidance auskommen werden.
Zinssensitive Positionen gehören daher auf den Prüfstand. Absicherungen durch Stopps und angemessene Liquiditätspuffer schaffen Spielräume, falls es temporär ruppig wird. Wer breit diversifiziert, mit klarer Strategie investiert und diszipliniert bleibt, ist in jedem Fall gut aufgestellt.