Abbvie hängt den S&P 500 ab – trotz Patentklippe
Wer im Januar 2013 rund 1.000 US-Dollar in Abbvie-Aktien investierte, besäße heute rund 11.500 US-Dollar – deutlich mehr, als der S&P 500 gebracht hätte. Wir zeigen, wie Anleger sich jetzt positionieren sollten.

Dass Abbvie diese Rendite überhaupt erzielen konnte, war zu Beginn keineswegs abzusehen. Der Gesundheitskonzern Abbott zwang seine Aktionäre fast zu ihrem Glück: Zum Stichtag 12.12.2012 buchte er jedem Anteilseigner automatisch eine Abbvie-Aktie je Abbott-Aktie als steuerfreie Sonderdividende ins Depot.
Abbvie ist ein Pharmakonzern mit Sitz im US-Bundesstaat Illinois, der sich bewusst auf wenige Spezialgebiete konzentriert: Immunologie, Onkologie und Neurologie. Mit der Übernahme von Allergan im Jahr 2020 kam die Ästhetik hinzu, allen voran mit der Marke Botox. Statt auf ein breites Portfolio kleinerer Präparate setzt Abbvie auf wenige, dafür umsatzstarke Blockbuster. Hohe Forschungsausgaben und gezielte Zukäufe sollen das Sortiment fortlaufend erneuern. Wie erfolgreich diese Strategie sein kann, aber auch welche Risiken die Abhängigkeit von einzelnen Präparaten birgt, zeigt die Geschichte von Humira.
Das Medikament gegen Autoimmunerkrankungen wie Morbus Crohn, Arthritis und Schuppenflechte war über Jahre das weltweit meistverkaufte Arzneimittel. 2018 steuerte Humira fast 61% zum Konzernumsatz bei. Die Kehrseite dieser Dominanz zeigte sich nach dem Verlust der US-Patentexklusivität: Seit 2023 brachen die Erlöse innerhalb weniger Jahre um mehr als 75% ein.
Der Umbau trägt Früchte
Abbvie musste sich neu erfinden. Über Jahre prägte Richard Gonzalez diesen Wandel. Seit der Abspaltung von Abbott im Jahr 2013 stand er an der Spitze des Konzerns, ehe er den Vorstandsvorsitz vor zwei Jahren an den bisherigen COO Robert Michael übergab und selbst in den Vorsitz des Verwaltungsrats wechselte.
Michael setzt den von Gonzalez eingeleiteten Kurs fort: Skyrizi gegen Schuppenflechte und Morbus Crohn sowie Rinvoq gegen Arthritis und Neurodermitis sollen die Lücke schließen, die der Niedergang von Humira hinterlässt. Der Umbau ist bereits weit fortgeschritten. Während Humira 2022 noch fast 37% der Konzernerlöse beisteuerte, waren es 2025 nur noch gut 7%. Gleichzeitig stieg der gemeinsame Umsatzanteil von Skyrizi und Rinvoq von gut 13 auf nahezu 43%.

Die beiden neuen Blockbuster sind damit längst zum wichtigsten Wachstumsmotor geworden. Im zweiten Quartal steigerte Abbvie den Umsatz um 10%. Der bereinigte Gewinn je Aktie von 3,65 Dollar übertraf die Analystenerwartungen von 3,60 Dollar leicht. Dennoch verlor die Aktie seit der Zahlenvorlage am vergangenen Freitag (31.7.) gut 5%.
Belastet hat vor allem die gesenkte Jahresprognose. Im Juni kündigte Abbvie die Übernahme von Apogee Therapeutics für gut 11 Mrd. Dollar an. Wegen der damit verbundenen Kosten erwartet Michael nun einen bereinigten Gewinn je Aktie von 13,87 bis 14,07 Dollar, nach zuvor 13,91 bis 14,11 Dollar.
Strategisch passt der Zukauf jedoch zum bisherigen Kurs. Apogee erweitert das Immunologie-Portfolio um mehrere Wirkstoffkandidaten, die in Studien teilweise noch bessere Ergebnisse erzielen als Skyrizi und Rinvoq. Besonders vielversprechend ist Zumilokibart gegen Neurodermitis, das nach Einschätzung von Analysten etwas wirksamer und zugleich einfacher zu dosieren sein könnte als Dupixent von Regeneron/Sanofi. Statt in neue Therapiegebiete auszuweichen, vertieft Abbvie damit gezielt seine Position in einem Bereich, in dem der Konzern bereits über umfangreiche Erfahrung und nachweisliche Erfolge verfügt.
Zeit für den Wiedereinstieg
Die Bilanz kann sich sowohl langfristig als auch seit dem Umbau sehen lassen: Seit dem Spin-off im Jahr 2013 hat die Abbvie-Aktie den S&P 500 deutlich hinter sich gelassen. Während der US-Leitindex einschließlich Dividenden um 530% zulegte, blieben auch Wettbewerber wie Pfizer (+70%) und Merck & Co (+398%) klar zurück. Auf Sicht von zwölf Monaten liegt Abbvie mit einem Plus von 32,5% ebenfalls deutlich vor dem Gesamtmarkt (+21,5%). Lediglich Merck & Co entwickelte sich mit +69,7% noch stärker. Die jüngste Aufholjagd des Pharmasektors wurde allerdings vor allem von Nachzüglern getragen, weniger von etablierten Zugpferden wie Abbvie.

Der Rücksetzer nach den Quartalszahlen eröffnet daher aus unserer Sicht eine gute Gelegenheit für den Wiedereinstieg. Selbst seit dem Verlust der Humira-Exklusivität vor drei Jahren legte die Aktie um 88% zu. Über fünf Jahre summiert sich das Plus auf 162% – deutlich mehr als bei Pfizer, Merck und dem breiten Markt.

Mit 253,30 Dollar (US00287Y1091) notiert die Aktie wieder nahe dem Niveau, auf dem wir im vergangenen November Gewinne realisiert hatten. Außerhalb der von der Humira-Unsicherheit geprägten Umbaujahre 2018 bis 2023 wurde Abbvie mit einem KGV von rund 14 bewertet. Aktuell liegt der Wert bei 16 – angesichts der neuen Wachstumsphase kein Warnsignal.
Auch die operative Qualität bleibt hoch. Bruttomarge und freie Cashflow-Marge liegen konstant über 80 beziehungsweise 35%. Die Verschuldung bleibt selbst nach der Apogee-Übernahme mit einem Verhältnis von Nettoschulden zu EBITDA von 2,5 moderat. Mit einem Beta von lediglich 0,28 schwankt die Aktie zudem deutlich weniger als der Gesamtmarkt – ein zusätzlicher Vorteil in volatilen Börsenphasen.
Wir empfehlen, bei Abbvie wieder einzusteigen. Unser Stopp liegt bei 176,50 Dollar.