Der Iran-Krieg hat die Schwellenländer sehr unterschiedlich getroffen. Während viele asiatische und afrikanische EM unter steigenden Energiepreisen und Handelsrisiken leiden, zeigt sich Lateinamerika vergleichsweise widerstandsfähig. Neben der großen geografischen Distanz zum Konflikt spielt laut Capital Economics vor allem die Rolle der Region als Energieexporteur eine zentrale Rolle.

Mit Brasilien, Argentinien, Kolumbien, Ecuador und Venezuela zählen mehrere der größten Volkswirtschaften zu den Nettoexporteuren von Energie. Steigende Ölpreise verbessern dadurch die Handelsposition gegenüber dem Ausland, erhöhen Exporterlöse und stärken tendenziell auch die Staatseinnahmen. Allerdings dürfte ein Großteil der Zusatzeinnahmen eher zur Stabilisierung der Staatsfinanzen verwendet als in neue Ausgabenprogramme gelenkt werden. Der positive Effekt auf das Wirtschaftswachstum bleibt daher begrenzt.

Eine Region weit ab vom Schuss

Im Vergleich zu vielen anderen Schwellenländern ist Lateinamerika zudem deutlich weniger von direkten Folgen des Krieges betroffen. Störungen wichtiger Handelsrouten im Nahen Osten oder Luftraumsperrungen treffen die Region wesentlich weniger stark als etwa viele asiatische Volkswirtschaften. Auch die geringere Abhängigkeit von Energieimporten wirkt stabilisierend.

Nicht alle Länder profitieren gleichermaßen. Chile, Peru sowie viele zentralamerikanische Staaten gehören zu den Energieimporteuren und müssen höhere Importkosten verkraften. Allerdings sind die außenwirtschaftlichen Kennzahlen vieler Volkswirtschaften heute deutlich solider als beim Energiepreisschock 2022. Leistungsbilanzen und Kapitalzuflüsse zeigen sich stabiler, was auch den Währungen Halt gibt.

Der Inflationsdruck dürfte durch höhere Energiepreise dennoch steigen. Capital Economics rechnet für 2026 mit einem um etwa 0,5% höheren Preisauftrieb als vor Kriegsbeginn erwartet. Gleichzeitig könnten sich Zinssenkungen in einzelnen Ländern verzögern oder langsamer ausfallen als bisher erwartet.

Gestiegene Gewinnprognosen

An den Aktienmärkten zeigt sich bislang ein vergleichsweise robustes Bild. Der MSCI EM Latin America Index ist seit Ausbruch des Krieges im weltweiten Vergleich nur relativ moderat gefallen und weist seit Jahresbeginn weiterhin prozentual zweistellige Zuwächse auf.

Passend dazu hat Goldman Sachs die Gewinnschätzungen für Lateinamerika im Jahr 2026 von +5% vor dem Iran-Krieg auf aktuell +16% erhöht. Dagegen sank gleichzeitig die Ergebnisprognose für den MSCI Emerging Markets Index um 2%.

Im aktuellen geopolitischen Umfeld spricht damit einiges dafür, dass es vorerst dabeibleibt, dass Lateinamerika verglichen mit anderen EM-Regionen mehr Chancen bietet, ohne deswegen in Kriegszeiten ein Selbstläufer zu sein.

Weiterführende Informationen zu diesem Themenkomplex:

Wie der Iran-Krieg die Schwellenmärkte Asiens besonders hart trifft

Nahost/Nordafrika – Wirtschaft im Stresstest des Iran-Kriegs

Öl-Kriege als EM-Stresstest: Was Anleger aus früheren Konflikten lernen können