Shell-Chef Wael Sawan hält 2026 einen Angebotsüberschuss für ein glaubwürdiges Szenario. Die Internationale Energieagentur geht im jüngsten Monatsbericht sogar von einem Rekordüberschuss von fast 4 Mio. Barrel pro Tag aus – rund 20% mehr als in der Schätzung zuvor.

Aus der Luft gegriffen sind die Warnungen nicht. Die US-Öllagerbestände wuchsen zuletzt kräftiger als erwartet. Auch die Menge des auf See transportierten Rohöls stieg auf fast 1,3 Mrd. Barrel. Laut DZ Bank übertrifft das sogar den Höchststand zu Zeiten der Coronapandemie. OPEC+ hat dies wohl eben bewogen, im ersten Quartal 2026 eine Pause bei den jüngsten Produktionserhöhungen einzulegen.

Russland und Saudi-Arabien mit steigenden Risiken

Ein seit März 2022 bereits mehr als halbierter Ölpreis führt dazu, dass für einige Produzentenländer der finanzielle Spielraum schwindet. Besonders toxisch ist die Kombination aus sinkenden Staatseinnahmen, steigenden Ausgaben und strukturellen Engpässen.

Capital Economics verweist darauf, dass Russland und Saudi-Arabien ihre Haushalte bereits straffen müssen: In Russland liegen die Energieeinnahmen rund 20% unter Vorjahr, während Saudi-Arabien für 2025 ein höheres Defizit erwartet. Beide Länder verfügen zwar über niedrige Schuldenquoten, doch ihre Ausgabenprogramme stehen auf wackeligem Fundament, wenn sich der Brent-Preis – wie von Capital Economics erwartet – Richtung 50 USD pro Barrel bewegt.

Noch deutlicher werden die Spannungen in kleineren, stark vom Öl abhängigen Volkswirtschaften. Besonders verletzlich zeigen sich Bahrain, Angola und Nigeria. Sie kämpfen mit hohen Budget-Break-Even-Preisen und zum Teil beträchtlichen Schuldenquoten.

Bahrain muss bereits ein fiskalisches Paket im Umfang von 16% des BIP stemmen. Angola droht bei weiter fallenden Preisen ein doppeltes Defizit aus Staatshaushalt und Leistungsbilanz – eine Konstellation, die früher schon zu Währungskrisen führte. Nigeria wiederum befindet sich trotz steigender Nicht-Öl-Einnahmen in einer heiklen Balance, zumal wichtige Reformen politisch anspruchsvoll bleiben.

Investoren müssen wachsam sein

Dagegen wirken die Golfstaaten außerhalb Saudi-Arabiens robuster. Die Vereinigten Arabischen Emirate verzeichnen weiterhin einen Haushaltsüberschuss, Qatar kann ab 2026 auf steigende LNG-Erlöse hoffen und Kuwait hat neue Möglichkeiten zur Anleihebegebung geschaffen. Diese Länder verfügen über niedrigere Break-Even-Preise und damit mehr Puffer im Falle von Preisdruck.

Am Ende zeigt sich: Eine Ölschwemme mag Verbraucher freuen, doch für manche Schwellenländer wird sie zum Stresstest. Und für Investoren ergibt sich die Aufgabe, genauer hinzusehen, wer unter den Produzentenländern finanziell durchhält und wer ins Straucheln gerät.