Notenbanken im Angebotsschock – Was sie diesmal nicht leisten können
Ein historischer Angebotsschock trifft Energie, Lieferketten und Realwirtschaft gleichzeitig. Warum Geldpolitik diesmal keine Lösung bieten kann.

Die sich derzeit anbahnende Krise könnte historisch werden. Noch nie in der modernen Wirtschaftsgeschichte war ein derart großer Teil der globalen Ölnachfrage (aktuell rund 14%) gleichzeitig blockiert. Erste Symptome zeigen sich bereits: In Südostasien bilden sich lange Schlangen vor Tankstellen, in Australien melden Medien Hunderte Stationen ohne Diesel. Anders als frühere Verwerfungen trifft die aktuelle Entwicklung zentrale Versorgungsstränge der Weltwirtschaft: Energie, Chemie und Logistik gleichzeitig und mit voller Wucht. Die Internationale Handelskammer (ICC) warnt bereits vor der größten industriellen Krise unserer Lebenszeit.
Angebotsschock statt Nachfrageschwäche
Die Dimension dieser Krise unterscheidet sich fundamental von der Corona-Pandemie. Damals handelte es sich primär um einen Nachfrageschock: Reisen, Konsum und Produktion gingen zurück, deflationäre Kräfte dominierten. Zentralbanken konnten mit Liquidität gegensteuern und stabilisieren. Die nun drohende Krise hingegen ist ein klassischer Angebotsschock. Fehlende Energie, unterbrochene Lieferketten und ausbleibende chemische Vorprodukte lassen sich nicht durch Geldpolitik ersetzen. Weder zusätzliche Liquidität noch expansive Fiskalpolitik können physische Knappheiten beheben. Kein zusätzlicher Liter Treibstoff, kein Container mit Vorprodukten entsteht durch die Notenpresse. Die Folge könnte ein flächendeckender Stillstand wirtschaftlicher Aktivität sein.
Politische Reaktionen schaffen neue Risiken
Gleichzeitig ist absehbar, dass Regierungen dennoch versuchen werden, mit massiven Stimuli gegenzuhalten. Aus spieltheoretischer Sicht erscheint es rational, Nachfragezerstörung möglichst lange hinauszuzögern, etwa durch Steuersenkungen auf Energie oder Subventionen. Dadurch verschiebt sich die Nachfragezerstörung zunächst auf weniger zahlungskräftige Länder. Kurzfristig kann dies die Belastung für Verbraucher dämpfen, doch das Grundproblem bleibt: Die verfügbaren Mengen sind begrenzt. Für importabhängige Regionen wie Europa verschärft sich die Lage unabhängig vom Preisniveau. Die Notenbanken könnten gezwungen sein, Liquidität bereitzustellen, damit Unternehmen trotz Produktionsausfällen ihre Kredite bedienen können. Doch eine Liquiditätsspritze in einen bereits inflationären Schock hat erhebliche Nebenwirkungen. Anleihen und Aktien dürften gemeinsam unter Druck kommen, während die Inflation noch stärker angeheizt wird. Die derzeitige relative Ruhe an den Kapitalmärkten dürfte trügerisch sein.