Die relative Schwäche der großen amerikanischen Tech-Werte markiert einen Bruch mit einem Muster, das die Aktienmärkte über lange Zeit geprägt hat. Durch ihre fulminante Rally hatten die in den großen Indizes hoch gewichteten Titel wie Alphabet, Amazon oder Meta das Marktgeschehen klar dominiert. In den vergangenen zwei Wochen verbuchten diese Aktien nun Rückschläge von bis zu 20%, während sich der Gesamtmarkt vergleichsweise robust präsentierte. Dass ausgerechnet die US-Big-Techs – trotz weitestgehend starker Quartalszahlen – hinter dem Gesamtmarkt zurückbleiben, ist deshalb mehr als eine Randnotiz, auch wenn von einem generellen Einbruch noch keine Rede sein kann.

Die Grenzen der Prognosefähigkeit

Rückblickend stellt sich die Frage, ob sich eine solche Phase hätte „vorhersagen“ lassen. Die ehrliche Antwort lautet: Nein, zumindest nicht im Sinne eines präzisen Timings. Fundamental lässt sich eine Trendwende nur sehr schwer antizipieren. Die aktuell als Begründung für die Gewinnmitnahmen angeführten Sorgen vor sich womöglich nicht rentierenden KI-Investitionen der Hyperscaler gab es auch vorher schon. Sie waren in der Berichterstattung lange Zeit aber nur eine Randnotiz, weil die „KI-Euphorie“ natürlich viel besser zum damaligen Marktgeschehen passte. Nun hat sich die Stimmung (zumindest temporär) gewandelt.

Apropos Stimmung. Das aktuelle Sentiment und die Positionierung verschiedener Anlegergruppen können zumindest Hinweise darauf geben, in welcher Phase einer Hausse oder Baisse sich die Märkte gerade befinden. Die Suche nach dem einen „Super-Indikator“, der verlässlich den Wendepunkt einer Hausse (oder auch Baisse) signalisiert, wird zwar nicht von Erfolg gekrönt sein. Was es jedoch gibt, sind Konstellationen, in denen sich Warnzeichen häufen und das Chance-Risiko-Verhältnis zunehmend asymmetrisch wird.

Die Warnzeichen wurden immer größer

Genau das war im Technologiesektor über Monate hinweg zu beobachten. Wir hatten darüber zuletzt Ende Oktober an dieser Stelle ausführlich berichtet und darauf hingewiesen, dass die Divergenz zwischen Stimmung und Verhalten der Anleger so ausgeprägt wie selten zuvor war. Tatsächlich ist es bislang auch nicht zu einer breit angelegten Korrektur gekommen, sondern nur zu einer Sektor-Rotation. Gerade im Technologiesektor verdichteten sich die Warnsignale im Anschluss aber immer mehr. In mehreren Umfragen unter institutionellen Investoren galten Positionen in den großen US-Techs und KI-Profiteuren als überdurchschnittlich stark besetzt. Gleichzeitig bewegten sich die Liquiditätsreserven der Fondsmanager auf sehr niedrigen Niveaus. Die Bank of America sprach hier sogar von einem Extrembereich ihres hauseigenen Bull-&-Bear-Indikators, der historisch eher in späten Marktphasen erreicht wird. Solche Konstellationen sind kein unmittelbares Verkaufssignal, sie erhöhen jedoch die Anfälligkeit: Wenn viele Marktteilnehmer auf derselben Seite positioniert sind, reichen bereits kleinere negative Auslöser aus, um überproportionale Kursreaktionen auszulösen.

Hinzu kam eine auffällige Verschiebung bei den Kapitalströmen. Während das öffentliche Narrativ rund um KI und Hyperscaler überwiegend positiv blieb, zeigten die wöchentlichen Fondsflussdaten eine zunehmende Brüchigkeit. Es kam wiederholt zu Abflüssen und Rotationen speziell aus Technologiefonds, ohne dass der Gesamtmarkt nennenswert unter Druck geriet. Das ist typisch für späte Trendphasen, in denen Engagements nicht panikartig, sondern schrittweise reduziert werden.

Auch die Marktstruktur sprach für eine fortgeschrittene Phase der Bewegung. Die Marktbreite war extrem schmal, die Indexentwicklung hing in hohem Maße an wenigen Schwergewichten. Parallel dazu notierten viele führende Technologiewerte über längere Zeit sehr deutlich oberhalb ihrer mittelfristigen Durchschnitte – ein typisches Merkmal fortgeschrittener Aufwärtsbewegungen. Gleichzeitig wurden Absicherungen nur in begrenztem Umfang aufgebaut. In der Summe verdichteten sich Positionierung, Anlegerstimmung und Kapitalflüsse zu einer klassischen Late-Trend-Konstellation, die nicht zwingend das Ende der Bewegung bedeuten muss, das Risiko stärkerer Rückschläge aber steigen lässt.

Sektor-Rotation und eine zum Teil zunehmende Marktbreite

Wichtig ist dabei: Übertreibungsphasen können an den Börsen sehr lange anhalten – nach oben wie nach unten. Sentiment- und Positionierungsindikatoren sind daher kein Ersatz für den Blick auf die Kurse selbst. Erst die tatsächliche Preisbewegung entscheidet. Hier kann die Charttechnik beim Timing helfen, insbesondere wenn relative Schwäche in vormals führenden Segmenten sichtbar wird. Bislang deutet vieles eher auf eine Sektor-Rotation als auf eine echte Trendwende hin. Die großen Indizes präsentieren sich insgesamt stabil. Auch innerhalb des Technologiesektors gibt es weiterhin klare Gewinner. Besonders Teile der Halbleiterindustrie, etwa Hersteller von Speicher- und Infrastrukturchips, zeigen nach wie vor eine ausgeprägte relative Stärke – getragen von realen Investitionsprogrammen und hohen Auftragseingängen. Und wenn der Aufschwung an Marktbreite gewinnt (was beim S&P 500 im Unterschied zum Nasdaq 100 gerade der Fall ist), ist das sogar ein positive Zeichen.

Durch die regelmäßige Beobachtung verschiedener Sentiment- und Positionierungsindikatoren können sich also Extremzustände identifizieren und Risiken besser einordnen lassen. Allwissenheit ersetzt das nicht. Aber es hilft, in euphorischen (und auch in stark depressiven) Phasen wachsam zu bleiben, was oft der entscheidende Vorteil sein kann.