Argentinien – Am falschen Ende gespart?

Mit seinem eisernen Spardiktat büßt Präsident Macri immer mehr Rückhalt in der Bevölkerung ein. Mit seinem eisernen Spardiktat büßt Präsident Macri immer mehr Rückhalt in der Bevölkerung ein.
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(12.07.2018)

Argentiniens Präsident Mauricio Macri und sein Kabinett haben den 202. Jahrestag der Unabhängigkeit des Landes kürzlich mit unüblicher Bescheidenheit weit außerhalb des unruhigen Buenos Aires und ohne den üblichen Aufwand einer großen Militärparade gefeiert. Auch das war ein Beitrag zum Sparprogramm, mit dem Macri die Misere bekämpfen will, die er von seinen populistischen Vorgängern übernommen hat. Die Probleme sind unverändert groß, die Auszehrung der heimischen Industrie in der Kirchner-Ära besteht im Kern in einem technisch überalterten und schmalen Kapitalbestand infolge der Finanzierungsbeschränkungen. Nach dem Default von 2001 war Argentinien von den internationalen Kapitalmärkten weitgehend abgeschnitten, der Import von Maschinen und Anlagen kaum mehr möglich. 

Das behindert das Wachstum bis heute. Hinzu kommt die Krise des wichtigsten Handelspartners Brasilien. Nicht zuletzt deswegen sind Agrarprodukte wieder die Hauptexportgüter. Die Dürre zu Jahresanfang war ein schwerer Schlag, fielen die Ernten von Mais und Sojabohnen doch deutlich kleiner aus als erhofft.

Den zweiten Schlag lieferten die steigenden US-Zinsen, die den gerade erst stabilisierten Peso erneut einbrechen ließen. Die Macri-Administration hatte eine vertuschte und mit Regulierungen und Kapitalkontrollen unterdrückte Inflation geerbt und zunächst durch eine Wechselkurs- und Preisfreigabe Druck aus dem Kessel gelassen. Das förderte jedoch die tatsächliche Inflation (um 25%) zutage und brachte eine entsprechend scharfe Abwertung mit sich. Erste Stabilisierungserfolge (s. PEM 19.7.17) waren mit der protektionistischen Politik der USA und dem Anstieg der Dollar-Zinsen dahin. Der Peso brach erneut ein und war auch nicht durch Leitzinsen bei 40% zu halten. Erst mit der frischen Kreditlinie des IWF über 50 Mrd. US-Dollar (deckt die absehbaren Verpflichtungen und Defizite bis 2020) kehrte wieder Ruhe am Devisenmarkt ein. Nach einer weiteren Abwertung von rd. 10% in 2 Monaten, die wiederum die Inflation befeuert. An nennenswerte Zinssenkungen ist daher nicht zu denken.

Der stabilisierte Peso ist allerdings nach wie vor überbewertet, die Folge ist ein wachsendes Leistungsbilanzdefizit (etwa 5% vom BIP), das die ausländischen Investoren beunruhigt und die Aufnahme von Mitteln zusätzlich erschwert. Die Liberalisierung der Märkte und insbesondere des Kapitalverkehrs ist für sich allein kein Allheilmittel. Die von Macri mit dem Segen des IWF dem Land verordnete Rosskur hat die Krise nicht stoppen können. Die neuen Sparvorgaben lassen das Wachstum auf Null oder noch darunter fallen, wie neue Konjunkturdaten zeigen. Die Wachstumsschätzungen werden inzwischen nach unten revidiert, bei der Weltbank von 3% auf 1,8% für 2019 – was immer noch sehr optimistisch erscheint. Durch den wirtschaftlichen Druck steigen die sozialen Spannungen fühlbar, die mit so viel Hoffnungen gestartete Regierung Macri verliert rapide an Zustimmung und war jetzt erstmals mit einem Generalstreik konfrontiert.