Expertenumfrage Teil 1

Wachstum, Zinsen, Gold, Dollar: Das erwarten unsere Volkswirte für 2026

2026 dürfte kein Krisenjahr werden, aber auch kein Selbstläufer. Das zeigen die Szenarien der von uns befragten Volkswirte hiesiger Banken zu Wachstum, Inflation, Zinsen, Dollar und Gold. Wo die Einschätzungen erstaunlich nah beieinanderliegen und wo sie deutlich auseinanderlaufen, lesen Sie in Teil 1 unserer großen Expertenumfrage.

Jorg Schirmacher,
Symbolbild Ausblick 2026
Symbolbild Ausblick 2026 © AdobeStock

Wir haben zehn Volkswirte gebeten, ihr Basisszenario für 2026 in Europa und den USA zu skizzieren und sich dabei vor allem auf Wachstum, Inflation, Zinsen, Dollar sowie den Goldpreis und mögliche Risiken zu konzentrieren. Worin sich die Ökonomen einig sind: Das globale Wachstum dürfte 2026 moderat ausfallen, ohne Rezession, und die Inflation sollte sich zumindest in Europa nahe dem Ziel einpendeln. In den USA gehen die Meinungen dagegen auseinander, ob die Teuerung spürbar nachlässt oder hartnäckig bleibt. Davon hängt ab, wie weit die Federal Reserve die Zinsen senken kann – und wie viel Druck dadurch auf den Dollar entsteht. In Europa reicht die Spanne beim Wachstum von einem fiskalisch getriebenen Aufschwung, vor allem dank Deutschlands, bis hin zu gedämpfter Dynamik aufgrund anhaltender struktureller Belastungen. Für Gold erwarten die Experten neue Höchststände.


Lesen Sie selbst, was die Chefvolkswirte unserer Banken für 2026 erwarten:


Jari Stehn, Goldman Sachs
Wir erwarten für 2026 ein robustes globales Wachstum von 2,8% und liegen damit leicht über der Konsensprognose von 2,5%. Die USA dürften deutlich besser abschneiden (2,6% gegenüber 2,0% im Vorjahr) aufgrund reduzierter Zölle, Steuersenkungen und verbesserter Finanzierungsbedingungen. Wir erwarten auch, dass China sich gut behaupten wird (4,8% gegenüber 4,5% im Vorjahr), da starke Exporte die träge Binnennachfrage überwiegen. Und trotz der längerfristigen Herausforderungen ist unsere Prognose für die Eurozone (1,3% gegenüber 1,1% im Vorjahr) für 2026 aufgrund der expansiven Fiskalpolitik in Deutschland und des starken Wachstums in Spanien relativ optimistisch.

Die Inflation sollte Ende 2026 in den meisten Volkswirtschaften nahe der angestrebten Inflationsziele liegen. In den USA und Großbritannien erwarten wir, dass die Kerninflation von derzeit etwa 3% auf knapp 2% sinken wird, da der Effekt aus der Weitergabe der Zölle nachlässt, während Lohn- und Mietpreissteigerungen geringer ausfallen dürften. Sinkende Ölpreise, ein höheres Angebot an chinesischen Gütern und ein schnelleres Produktivitätswachstum sollten die Inflation ebenfalls dämpfen. Für die Eurozone erwarten wir dieses Jahr eine Inflation leicht unterhalb des 2%-Ziels.

Wir gehen davon aus, dass die Fed die Zinsen um 50 Basispunkte auf 3 bis 3,25% senken wird. Wir sehen weitere Zinssenkungsrisiken aufgrund des von uns erwarteten Inflationsrückgangs, Sorgen um den Arbeitsmarkt und den bevorstehenden Wechsel in der Fed-Führung. Wir erwarten auch einen Rückgang der Zinsen in Großbritannien (75 Basispunkte) und vielen Schwellenländern. Wir bleiben bei der Ansicht, dass die EZB das Zinsniveau stabil halten wird.

Unser Basisszenario ist positiv für Aktien. Die Märkte haben bereits ein besseres US-Wachstum und eine niedrigere US-Inflation eingepreist, aber unsere Prognosen ergeben ein noch positiveres Bild. Wir denken, dass das zyklische Umfeld mögliche Sorgen vor einer Überbewertung von Aktien voraussichtlich mehr als aufwiegen wird. Dennoch könnte dies zu mehr Volatilität führen, während ein höherer Verschuldungsgrad von Unternehmen und Haushalten dazu führen könnte, dass Anleihen unterdurchschnittlich abschneiden.

Die Hauptrisiken bestehen darin, dass ein fragiler Arbeitsmarkt Rezessionsängste auslösen könnte oder der Aktienmarkt den Wert KI-bezogener Erträge in Frage stellt. Eine Positionierung in kurzfristigen US-Anleihen sollte vor diesen Risiken absichern, gleichzeitig dürften positive Wachstumsaussichten, hohe Haushaltsdefizite und potenzielle erneute Sorgen um die Unabhängigkeit der Fed das Abwärtsrisiko bei längerfristigen Renditen begrenzen.

 Wir glauben weiterhin, dass der US-Dollar im Laufe der Zeit schwächer werden sollte, es sei denn, ein stärkeres US-Wachstum führt dazu, dass die Märkte die Hoffnungen auf geldpolitische Lockerungen zurückschrauben. Wir erwarten eine anhaltend starke Entwicklung bei Gold – einen Anstieg auf 4.900 US-Dollar bis Dezember 2026 – da die Umschichtungen in diese Anlageklasse, insbesondere von Zentralbanken, fortgesetzt werden.

Holger Schmieding, Berenberg Bank
Trotz vieler Risiken überwiegt für 2026 die Zuversicht. Der Welt drohen weder eine tiefe Rezession noch eine große Inflationswelle. Die Niedrigzinsen vieler Zentralbanken sowie die expansive Fiskalpolitik in den USA, Japan und Deutschland stützen die Konjunktur. Zudem dürfte Trump seine aggressive Zollpolitik 2026 etwas zügeln. Denn die zollbedingte Inflation wird vor den Kongresswahlen im November immer mehr zu einem Problem für seine Republikaner.

China kommt allerdings auf keinen grünen Zweig. Den subventionierten Erfolgen in der Hochtechnologie steht eine hohe Jugendarbeitslosigkeit gegenüber. Das Geld, mit dem China seine industriellen Überkapazitäten aufbaut, fehlt anderswo im Land. Die Binnenwirtschaft bleibt schwach.

Der europäischen Industrie weht der Wind aus Übersee ins Gesicht. Aber die Reformerfolge in Südeuropa, die Niedrigzinsen der EZB, die gesunkene Öleinfuhrrechnung und der deutsche Fiskalimpuls sprechen dafür, dass die Euro-Wirtschaft 2026 in etwa mit ihrer Trendrate von 1,2% zulegen kann. Mit 0,7% bleibt Deutschland dahinter zurück, aber weniger als in den Vorjahren.

Der Spielraum für die Notenbanken, ihre Zinsen weiter zu senken, ist begrenzt. In der Eurozone ist die Inflation zwar unter Kontrolle. Aber der Einlagensatz ist mit 2% bereits im Keller. Unter Druck von Trump wird die US-Fed dagegen ihre Geldpolitik noch etwas weiter lockern trotz Inflation von nahezu 3%. Allerdings wird das Zinstal nicht von Dauer sein. Bei zunehmender Knappheit an Arbeitskräften wird der Lohndruck 2027 wieder steigen. Ab Mitte 2027 wird die EZB die Zügel wieder straffen müssen, gefolgt von der Fed in 2028.

Weder Boom noch Rezession – dieses Umfeld ist für Finanzmärkte nicht schlecht. Nach dem Kursfeuerwerk des Jahres 2025 ist die Luft jedoch dünner geworden. Bei einem erheblichen Rückschlag, der die US-Konjunktur hart treffen könnte, würde allerdings die US-Fed mit großen Liquiditätsspritzen und Niedrigzinsen eingreifen. Das begrenzt die Risiken. Da das globale Vertrauen in die USA als sicherer Hafen langsam schwindet, geht es für den Dollar tendenziell nach unten, auch gegenüber dem Euro. Um genügend Käufer für die Flut an Staatsanleihen zu finden, werden Europa und die USA letztlich höhere Renditen bieten müssen.

Risiken gibt es zuhauf. Geopolitische Katastrophen (Trump verkauft die Ukraine oder besetzt Grönland) könnten Europa erschüttern. Eine chinesische Blockade Taiwans würde wichtige Teile des Welthandels zum Erliegen bringen. Besonders gefährlich für die Märkte wäre eine neue große Welle von Trumpschen Zöllen. Dies könnte die US-Inflation anheizen und die Fed daran hindern, ihre Zinsen zu senken. Ein offener Konflikt zwischen Trump und der Fed könnte dann den Dollar abstürzen und die Renditen für US-Anleihen in die Höhe schießen lassen. Aber da Trump damit den Republikanern erheblich schaden würde, wird er davor vermutlich doch zurückschrecken.

Ulrich Kater, Dekabank
Das Big Picture für 2026 könnte dem aus 2025 recht ähnlich sehen: Wir erwarten für 2026 und die beiden kommenden Jahre ein weltweites Wirtschaftswachstum von 3 Prozent. Dieses wird vor allem von Asien und den USA getragen. In den USA gibt es mit den bereits 2025 beschlossenen Steuersenkungen sowie den Infrastrukturinvestitionen der Technologieunternehmen zwei kräftige Konjunkturtreiber.

Euroland zeigt trotz Deutschlands Schwäche weiter solides Wachstum, verstärkt durch eine immer breitere Souveränitäts-Agenda. Und selbst in Deutschland könnte langsam ein Kurswechsel eingeläutet werden, hin zu mehr Dringlichkeit bei den Reformen. China macht weiter mit seiner Strategie der Weltherrschaft über die Industrie, selbst wenn dabei nur noch weniger als 5 Prozent Wachstum herauskommen.

Allen Unkenrufen zum Trotz ist sie noch nicht ausgebrochen, die große Inflation und das wird sie auch 2026 nicht. Aber das Thema bleibt auf den vorderen Positionen der Beobachtungslisten. In Europa zeigen die Ampeln weiterhin tiefgrün: Im kommenden Jahr oszillieren die Verbraucherpreise der Eurozone um die 2-Prozent-Marke, und die EZB fühlt sich mit ihrer aktuellen Geldpolitik sehr wohl. Es wird eine der längsten Phasen stabiler positiver Leitzinsen in Europa. Ungleich bewegter ist es in den USA. Die Fed befindet sich im Spannungsfeld von zu hoher Inflation mit starker Konjunktur und einer Abschwächung am Arbeitsmarkt. Zudem steht sie unter politischem Druck. Hier leuchtet auch schon der eine oder andere Gelb-Ton durch die grünen Anzeigen an der Inflationswarntafel. Heraus kommt ein Kompromiss mit zwei weiteren Leitzinssenkungen auf dann 3 Prozent. Das und der Wille der US-Regierung nach einem schwachen US-Dollar bringt den US-Dollar in Regionen über 1,20 zum Euro.

Je länger ein Aufschwung andauert, umso wahrscheinlicher werden Fehlentwicklungen und Ungleichgewichte. Der gegenwärtige Aufschwung, der 2022 nach der Corona-Pandemie begann, ist noch relativ jung, aber die Liste der Risiken wird langsam länger. Überinvestitionen im KI-Sektor, Strukturwandel im Finanzbereich mit intransparenten Finanzierungsströmen oder die weiterhin zu erwartenden geoökonomischen Politikmaßnahmen aus Washington, Brüssel oder Peking können sich schnell auf die Wirtschaft auswirken. Paradoxerweise könnte ein Abriss durch eine zu erfolgreiche US-Wirtschaft ausgelöst werden. In dieser wäre die Fed zu Zinserhöhungen gezwungen, welche die Finanzsektoren erschüttern könnten. Gold bleibt als Hedge-Instrument hoch im Kurs. Wir rechnen mit Goldpreisen im Bereich von 4.500 bis 5.000 US-Dollar.

Jörg Krämer, Commerzbank
In vielen Ländern schieben Finanzminister und Notenbanker ihre Volkswirtschaften mit mehr Staatsausgaben und niedrigen Zinsen an. Aber in den wenigsten Ländern zieht das Wachstum an. Denn andere Probleme neutralisieren oft den Schub von der lockeren Geld- oder Fiskalpolitik. So verunsichern Trumps Zollerhöhungen die Unternehmen in den USA, Europa und China. Hinzu kommen etwa in China die Probleme im Immobiliensektor und in Deutschland das Fehlen breit angelegter Reformen. Alles in allem dürfte die Weltwirtschaft 2026 mit drei Prozent ähnlich stark wachsen wie 2025.

Während sich die Inflation im Euroraum langsam in Richtung des EZB-Ziels von 2 Prozent bewegt, dürfte sie in den USA weiter bei rund 3 Prozent liegen. Das geht vor allem auf die massiv gestiegenen Zölle zurück, die sich langsam in höheren Verbraucherpreisen niederschlagen.

Die Renditen von Staatsanleihen dürften 2026 in der Grundtendenz weiter nach oben driften. Zum einem fahren die Staaten sehr hohe Haushaltsdefizite; sie emittieren sehr viele Anleihen, die die Anleger wohl nicht ohne gewisse Zugeständnisse bei den Renditen kaufen werden. Zum anderen dürfte Donald Trump den scheidenden Notenbankchef Jerome Powell durch jemanden ersetzen, der seinen Wunsch nach sehr niedrigen Leitzinsen erfüllen wird. Je weiter die US-Notenbank ihre Zinsen senkt, desto mehr dürften Zweifel an der Unabhängigkeit der Notenbank aufkommen. Das spricht für höhere langfristige Inflationserwartungen und damit für höhere Anleiherenditen.

Die erodierende Unabhängigkeit der US-Notenbank und die letztlich zu weit gehenden US-Zinssenkungen sprechen dafür, dass der Dollar tendenziell weiter abwertet. Der Dollar ist ohnehin angreifbar, weil er gemessen an der Kaufkraftparität deutlich überbewertet ist.

Carsten Brzeski, ING
In der Küche der Weltwirtschaft ist weiterhin großes Chaos und auch 2026 verspricht wie eine lange Folge der TV-Serie The Bear zu werden: chaotisch, hochriskant und voller unerwarteter Wendungen, aber trotz allem mit einem ordentlichen Menü auf dem Tisch der Restaurantgäste.

Die starken Gewürze, die im letzten Jahr drohten, das Essen zu verderben, liegen immer noch verstreut auf der Arbeitsfläche: vor allem die „Liberation Day“-Zölle, die großen geopolitischen Verschiebungen mit einer USA, die vor allem das Gesetz des Stärkeren kennt, und einem Europa, das sich entscheiden muss, wie es seine Sicherheitsarchitektur endgültig und vor allem schnell von den USA entkoppeln kann.

Mit Blick auf 2026 gibt es einiges aus der Küche zu berichten: Nach einer Phase des Überkochens bewegt sich die US-Wirtschaft nun in Richtung sanftes Köcheln. Sicher, es wird Turbulenzen geben. Und dann müssen wir vielleicht wieder auf die „Executive Chefs“ schauen – mit ihren Prisen zusätzlicher fiskalischer Stimuli oder Zinssenkungen. Vergessen wir nicht: Die verzögerten Auswirkungen höherer Zölle werden wir auch in diesem Jahr spüren, ebenso wie die Effekte der massiven KI-Investitionen. Die US-Wirtschaft wird mit ungefähr 2% wachsen.

Und Europa? Der „Master Chef“ ist Deutschland. Die Wachstumsaussichten hängen davon ab, ob Berlin endlich die versprochenen Investitionen serviert. Bisher ist kaum etwas auf dem Teller gelandet, und die Reste, die wir haben, schmecken nach Sauerkraut. Aber wenn sich die Konjunkturmaßnahmen wie eine alte Ketchupflasche verhalten – nichts, nichts, und dann alles –, sollte auch die deutsche Wirtschaft wieder anziehen und mit ungefähr 1% wachsen. Der große Ketchup-Schub könnte sogar den Geschmack fehlender Strukturreformen zumindest vorübergehend überdecken.

Die Antwort auf die Frage nach den größten Risiken für Europas Ausblick ist einfach: Europa selbst. Wenn die Politik liefert und idealerweise ihre Zusagen aus 2025 zu Verteidigungs- und Infrastrukturinvestitionen beschleunigt und beginnt, die Empfehlungen von Mario Draghi umzusetzen, könnte Europa positiv überraschen. Wenn nicht… gibt es nur noch Sparkost.

Traditionell sind die Küchenchefs der Finanzwelt die Zentralbanker. Sie können alles zaubern – von einer „Calvinistischen Suppe“ bis zum feinsten Dessert. 2026 wird ihre Aufgabe noch schwieriger als im Vorjahr. Die Inflation könnte zwischen disinflationären Kräften – mit abkühlenden Arbeitsmärkten, schwächerer Nachfrage und KI – und inflationären Schocks durch Zölle, Lieferengpässe und Energiepreise hin- und herschwanken. Zusätzlich zu diesen Inflationsschwankungen serviert die Fiskalpolitik ein All-you-can-eat-Buffet, und die Zentralbanken müssen letztendlich die Rechnung begleichen. In diesem Umfeld gibt es nur wenig Freiheit für Zinssenkungen. In den USA sehen wir noch ganze zwei, in der Eurozone keine. Sollte es zu brenzlig in der Küche werden, sind selbst Anleihenkäufe nicht ausgeschlossen.

Jürgen Michels, Bayernlb
Wirtschaft und Finanzmärkte haben den „politischen Stresstest“ 2025 gut überstanden. Die Widerstandskraft war aber geringer als gedacht, weil die negativen Effekte des US-Zollschocks noch nicht vollständig wirken und außerhalb der USA Vorzieheffekte zu einem Exportschub im ersten Quartal führten. Zudem hat der KI-Investitionsboom vor allem in den USA zu einer Sonderkonjunktur geführt und das massive Fiskalpaket in Deutschland die europäischen Finanzmärkte beflügelt. Aufgrund der hohen Bewertungen am Aktienmarkt und Unregelmäßigkeiten am intransparenten „Private Credit“-Markt rückt die Finanzmarktstabilität in den Vordergrund. Die Resilienz von Wirtschaft und Finanzmärkten dürfte daher 2026 erneut auf den Prüfstand gestellt werden.

Mit einer Verschnaufpause im US-chinesischen Handelskrieg sollte die Weltwirtschaft 2026 keine nennenswerten zusätzlichen Belastungen von der Geopolitik bekommen, die jedoch mittelfristig ein bestimmender Faktor bleiben wird. Vielmehr wird der Fokus auf den Midterm-Wahlen in den USA liegen, bei denen die Demokraten erfolgreich sein dürften. Das wird Präsident Trump jedoch nicht zur „Lame duck“ machen, sondern eher dazu führen, dass Normen und Gesetze in den USA noch skrupelloser gebrochen werden. Auch in Europa bleibt die politische Situation, vor allem in Frankreich, angespannt und könnte sich in Deutschland mit Blick auf die Landtagswahlen verschärfen. Trotz steigender Popularität europakritischer Parteien erwarten wir mehr gemeinsame Finanzierung von Verteidigungsausgaben.

In diesem Umfeld erwarten wir mit 2,6% eine zaghaft wachsende Weltwirtschaft. Während die US-Konjunktur wegen der zollbedingten Kaufkraftverluste und weniger dynamischer KI-Investitionen temporär schwächelt, wird sich die europäische Konjunktur wegen des deutschen fiskalischen Stimulus beleben. Für Deutschland erwarten wir ein BIP-Wachstum von 1,4%. Wachsende Staatschulden werden dabei zu steigenden langfristigen Renditen auf 4,4% in den USA und 3,2% in Deutschland führen. Eine weniger unabhängige Fed dürfte die Leitzinsen auf 2,75% bis 3,0% deutlich senken, während die EZB den Einlagensatz leicht auf 2,25% Ende 2026 erhöht. In unserem Basisszenario erwarten wir, dass die Aktienmärkte die Resilienz-Prüfung (knapp) bestehen, aber eine volatile Konsolidierungsphase bevorsteht, bei der der DAX 2026 mit einem Stand von 25.500 Punkten beenden dürfte. Dabei bleiben die Risiken hoch und überwiegend nach unten gerichtet. Ein weiteres Jahr positiver Marktüberraschungen ist aber keinesfalls ausgeschlossen.

Edgar Walk, Metzler Asset Management

Der moderate Wachstumstrend aus 2025 dürfte sich fortsetzen – in unserem Basisszenario für 2026 rechnen wir mit einem Wachstum der Weltwirtschaft von rund 2,9 Prozent. Besonders Europa könnte mit einer unerwarteten Dynamik überraschen, wenn die Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung ihre Wirkung entfalten.

Die Inflation dürfte sich – regional unterschiedlich – weiter abschwächen: Während Europa bei der Inflationsbekämpfung Fortschritte erzielt, bleiben die Risiken in den USA erhöht – unter anderem aufgrund der US-Handelspolitik und fiskalischer Faktoren.

Geldpolitisch erwarten wir ein unterstützendes Umfeld. In den USA dürften sinkende Energiepreise, eine weiter nachlassende Kerninflation sowie politischer Druck Zinssenkungen durch die Federal Reserve begünstigen. Den Zinssenkungszyklus der EZB sehen wir als abgeschlossen und erwarten 2026 zwei Leitzinserhöhungen von jeweils 25 Basispunkten.

Der US-Dollar dürfte auch 2026 weiter abwerten, wenn auch mit geringerer Dynamik als 2025. Belastend wirken Zweifel an der Schuldentragfähigkeit der USA, die erratische Politik der US-Administration sowie die Diskussion um die Unabhängigkeit der US-Notenbank.

Gold gewinnt weiter an Bedeutung. Als wertstabile Krisenwährung ohne staatliche Kontrolle dürfte Gold insbesondere in unseren Risikoszenarien profitieren und bleibt ein zentraler Stabilitätsanker im Portfolio.

Für 2026 sehen wir drei Risiken, die losgelöst voneinander, aber auch zusammen auftreten könnten: Das Platzen der KI-Blase, ein Stillstand des Kreditzyklus, eine Staatsschuldenkrise. Eine deutliche Reduktion der KI-Investitionen, ausgelöst durch überhöhte Erwartungen, operative Engpässe oder enttäuschende Erträge, könnte insbesondere jene Unternehmen treffen, die bislang stark vom KI-Boom profitiert haben. Da ein erheblicher Teil dieser Investitionen fremdfinanziert ist, sehen wir zudem das Risiko negativer Rückkopplungseffekte über den stark gewachsenen Private-Debt-Markt. In einem solchen Szenario wären nicht nur die Wachstumsaussichten der Weltwirtschaft spürbar belastet, sondern auch die Stabilität der Kreditmärkte. Die Folge wären deutlich reduzierte Ertragserwartungen, steigende Risikoprämien und signifikante Kursverluste an den Aktienmärkten – mit der größten Fallhöhe in hoch bewerteten Marktsegmenten.

Sollten Anleger mit Blick auf die Entwicklung der Staatsschulden zunehmend nervös werden, könnten Staatsanleihen mit einer langen Restlaufzeit deutliche Kursverluste erleiden.

Carsten Klude, M.M. Warburg
Der Rückblick auf 2025 zeigt: Trotz aller „Handelskriegs“-Sorgen wuchs die Weltwirtschaft um robuste 3,2%. Wir stehen nun an einer Schwelle, an der fundamentale Faktoren die Geopolitik als primären Kurstreiber ablösen. Für 2026 prognostizieren wir eine Fortsetzung des globalen Wachstums, eine Rezession ist unwahrscheinlich. Die Wirtschaft erweist sich als resilient gegenüber negativen Nachrichten und exogenen Schocks. Unternehmen investieren nicht wegen, sondern trotz der Politik – vor allem getrieben durch den KI-Boom. Die US-Wirtschaft wächst dank Deregulierung und KI-Investitionen mit 2,5% stärker als in anderen Industrieländern. Die Inflation sinkt im Laufe auf 2% oder leicht darunter, dennoch wird die Fed die Zinsen aufgrund der Schwäche des Arbeitsmarktes 2-3 Mal senken. Die Zeit des billigen Geldes kehrt nicht zurück; 10-jährige US-Treasuries sehen wir bei 4,20 %. Europas Wirtschaft tut sich aufgrund der vielen strukturellen Probleme weiterhin schwer. Hoffnungen beruhen in erster Linie auf der expansiven Fiskalpolitik. Reallohnzuwächse und Investitionsnachholbedarf stützen die Konjunktur. Die EZB wird die Füße stillhalten; die Rendite 10-jähriger Bundesanleihen dürfte leicht auf 3,00% klettern.

Aktien bleiben gegenüber Anleihen im Vorteil. Wir erwarten, dass die großen Indizes 2026 neue Höchststände markieren: Unser Ziel beim DAX liegt bei 26.000 Punkten. Erstmals seit drei Jahren werden die Unternehmensgewinne in der Breite wieder zulegen. Der abnehmende Gegenwind von der Währungsseite und die expansive Geld- und Fiskalpolitik helfen. Zudem bleiben die Dividendenausschüttungen hoch. Beim S&P 500 sehen wir Potenzial bis 7.700 Punkte, gestützt durch zweistellige Gewinnsteigerungen.

Thematisch führt kein Weg an Künstlicher Intelligenz vorbei – der Zyklus ist nicht ausgereizt, sondern weitet sich auf Infrastruktur und Versorger aus; hiervon profitieren vorwiegend US-Unternehmen. In Europa stehen Verteidigungswerte im Fokus, die strukturell vom 5%-Ziel der NATO profitieren. Das ist kein Modetrend, sondern ein politisch unterstützter Zyklus, der lange anhalten wird.

Der US-Dollar behält seine Funktion als „Safe Haven“. Politische Unsicherheiten belasten den Greenback; wir erwarten eine leichte Abwertung des EUR/USD auf 1,18. In diesem Umfeld bleibt Gold unverzichtbar – nicht als Renditebringer, sondern als „geopolitischer Anker“.

Unser größtes Risiko ist institutioneller Natur: Ein offener Konflikt zwischen Trump und der Fed. Sollte die Politik versuchen, die Notenbank für billige Staatsfinanzierung zu missbrauchen, droht ein Aufstand der „Bond Vigilantes“. Die Folge wäre ein explosionsartiger Anstieg der US-Renditen (> 5%), der Aktienbewertungen crashen und den Dollar massiv entwerten würde.

Moritz Krämer, LBBW
Nach all den Jahren der Stagnation wird Deutschland 2026 endlich wieder etwas Wachstum erfahren. Atemberaubend wird dieses Wachstum allerdings wohl eher nicht sein. Kalenderbereinigt rechne ich für kommendes Jahr mit 0,8%. Getragen würde dieses Wachstum vor allem von der expansiven Fiskalpolitik der Regierung. Schulden und Defizite werden stark ansteigen. Damit das Wachstum an Breite gewinnt und die Unternehmen wieder mehr investieren wollen, bedarf es klarer, bisher vermisster, Signale, dass die Bundesregierung nicht nur von grundlegenden Reformen spricht, sondern auch liefert. Ich nehme in der Unternehmerschaft eine wachsende Skepsis wahr.

Die Ausweitung des Finanzierungsbedarfs der Bundesregierung, zuletzt sogar noch befeuert durch den EU-Beschluss, die Ukrainehilfen per Kreditfinanzierung stemmen zu wollen, wird zu einem stetigen Anstieg der langfristigen Zinsen führen. Das trifft auch die Unternehmen, die sich mit entsprechend höheren Refinanzierungskosten konfrontiert sehen werden.

Die gute Nachricht dürfte aber sein, dass die Inflation im Euroraum in diesem Jahr um die Zielmarke von 2% oszillieren dürfte. Für die EZB besteht deshalb kein Handlungszwang bei den Zinsen in die eine oder andere Richtung. Für die Fed dürfte es nicht so gemütlich werden, denn sie verliert zunehmend ihre zwei Ziele, Preisstabilität und Vollbeschäftigung, aus den Augen. Ich erwarte eine deutliche Abschwächung der US-Konjunktur mit durchschnittlichem Wachstum von gerade mal 1,5% für 2026, was weitere Bremsspuren im Arbeitsmarkt hinterlassen dürfte. Dagegen sehe ich einen weiteren Anstieg der US-Inflation auf jahresdurchschnittlich 3,5%. Deshalb halte ich es für wahrscheinlich, dass die Federal Reserve allenfalls noch eine Zinssenkung dieses Jahr beschließen wird. Dass die Zölle bislang noch nicht zum ursprünglich erwarteten Preisauftrieb geführt haben, darf uns nicht in Sicherheit wiegen. Die Erfahrung aus dem Brexit hat gezeigt, dass die negativen Prognosen der Ökonomen tatsächlich eingetroffen sind, nur eben viel langsamer als ursprünglich gedacht. Aufgeschoben ist also nicht aufgehoben.

Ein ungünstiger Verlauf beim Preisniveau birgt das Risiko, dass Donald Trump in seinen Allmachtsphantasien sehr unbedachte Entscheidungen trifft. Wenn etwa die Idee des „Mar-a-Lago-Abkommen“ etwa wieder aus der Schublade geholt würde, was einer einseitigen Enteignung der Gläubiger der US-Regierung gleichkäme, müssten alle Prognosen wieder über den Haufen geworfen werden. Denn dann wäre eine globale Finanzkrise sehr wahrscheinlich, zu der die Krise 2008 wie ein Spaziergang anmuten dürfte.

Getrud Rosa Traud, Helaba
In jedem Jahr folgt unser Konjunktur- und Kapitalmarktausblick einem Motto. Dieses fängt die Rahmenbedingungen für das neue Jahr metaphorisch ein. Diesmal haben wir Spielkarten ausgewählt. Früher schien es, als würden die Spieler immer wieder mit denselben Karten spielen. Jeder kannte die Regeln und die Rollen waren verteilt. Doch jetzt werden die Karten neu gemischt.

In vieler Hinsicht stellte 2025 eine Zäsur dar: in der Geo- und Handelspolitik, in Sicherheitsfragen, in der Diplomatie und – für die Bürger der USA und dort aktive Investoren – hinsichtlich bislang als selbstverständlich geltender Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit und der Gewaltenteilung. Es ist ein komplett neues Spiel und der Protagonist im Weißen Haus passt für jede Runde das Regelwerk nach den eigenen Interessen an – wie auch jüngst in Venezuela.

Da er bisher mit seiner Strategie auf nur wenig Widerstände gestoßen ist, hat Donald Trump keinen Anlass, 2026 seine Spielweise zu ändern. Insofern wäre es naiv zu glauben, er würde im neuen Jahr keine weiteren Handelsbeschränkungen androhen bzw. einführen. Realistisch ist aber, dass 2026 wie schon im Jahr zuvor eine Eskalationsspirale vermieden werden kann.

Das Jahr 2026 wird durch strukturelle und konjunkturelle Herausforderungen geprägt sein. Auf die Konjunkturkarte kann insbesondere Deutschland setzen. Die fiskalischen Impulse werden hierzulande zu einem Aufschwung führen, der uns wieder zur Eurozone aufschließen lässt. Ob diese Karte auch in den Folgejahren sticht, ist noch keine ausgemachte Sache. Dafür bedarf es eines Zusammenspiels mit den vier strukturellen Karten: öffentliche Finanzen, Wettbewerbsfähigkeit einschließlich Künstlicher Intelligenz, Welthandelsordnung und Sicherheitspolitik. Gerade dort ist ein europäischer Ansatz der Schlüssel zum Erfolg.

Aktien haben durch den größtenteils bewertungsgetriebenen Kursanstieg sehr viel Positives vorweggenommen. Weitere Kursgewinne müssen durch höhere Unternehmensergebnisse unterfüttert werden. Dass bei den Ergebnisschätzungen bislang die negativen Revisionen überwiegen, stimmt eher skeptisch. Für 2026 ist daher lediglich mit einer Seitwärtsbewegung zu rechnen. Für das Jahresende erwarten wir den DAX bei rund 25.000 Punkten.

Für Gold ist 2026 eine Wiederholung des außergewöhnlichen Rekordjahres wenig wahrscheinlich. Dennoch wird das Edelmetall weiterhin von den fortgesetzten Zinssenkungen der Fed sowie der Schwäche des US-Dollars getragen. Deshalb dürfte die Nachfrage hoch bleiben und neue Preisrekorde erreicht werden.

 

 

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