Die Wall Street starrt gebannt auf die KI-Milliardeninvestitionen der US-Tech-Giganten. Doch das viele Geld verhindert offenbar nicht eine Verschiebung der Macht bei Künstlicher Intelligenz Richtung Osten. China lässt den Status des bloßen Verfolgers zunehmend hinter sich.

Aktuelle Paukenschläge kommen von Zhipu (8,65 Euro; CNE100007DH9) und MiniMax (9,72 Euro; KYG6181S1093). Das neue Zhipu-Modell GLM-5 rangiert beim Artificial-Analysis-Intelligence-Score weltweit auf Platz 3 der leistungsstärksten KI-Sprachmodelle – vor Schwergewichten wie Google Gemini 3 Pro.

Rückstand auf USA halbiert

Zudem ist es laut Artificial Analysis das derzeit stärkste Open-Source-Modell der Welt. Laut Jefferies hat China den technologischen Rückstand auf die USA in kurzer Zeit von 12% auf 6% halbiert. MiniMax positioniert sein neues Modell M2.5 über eine aggressive Preisstrategie. Versprochen wird Spitzenleistung zu einem Bruchteil der Kosten westlicher Konkurrenz.

Das ist kein Zufall, sondern Ergebnis einer erzwungenen Effizienz-Revolution. Weil US-Sanktionen den Zugang zu Hochleistungschips erschweren, optimieren chinesische Labore ihre Software radikal für heimische Hardware. GLM-5 wurde gezielt für Huawei-Prozessoren entwickelt und soll durch intelligente Verfahren bis zu 75% weniger Arbeitsspeicher benötigen.

Diese Hardware-Autarkie schwächt das westliche Narrativ, China lasse sich durch Exportverbote technologisch isolieren. Die Ära, in der US-Dominanz allein auf exklusivem Chip-Zugang beruhte, neigt sich dem Ende zu.

Risiken bei KI-Aktien nehmen zu

Das hat Folgen für die Wall Street. Der Rechtfertigungsdruck auf Microsoft, Meta & Co. wächst. Wenn chinesische Anbieter mit deutlich weniger Kapital vergleichbare Intelligenz liefern, verliert das US-Erfolgsrezept gigantischer Budgets an Strahlkraft. China zeigt, dass Software-Effizienz teure Hardware-Schlachten gewinnen kann. Zudem drängen KI-Agentenmodelle wie Doubao 2.0 von ByteDance in den Markt, die mehrstufige Aufgaben und Arbeitsprozesse zu einem Bruchteil westlicher Kostenstrukturen autonom orchestrieren können.

An der Börse hat der technologische Vormarsch eine massive Rally ausgelöst. MiniMax und Zhipu haben sich seit ihren Börsengängen im Januar etwa vervierfacht. Genau deshalb ist Vorsicht angebracht. Bei Marktkapitalisierungen von 31,5 Mrd. bzw. 27,5 Mrd. USD und 2024er-Umsätzen im zweistelligen Millionenbereich wirkt die Bewertung ambitioniert. Zudem bleibt die politische Hürde: Ob westliche Unternehmen sensible Daten chinesischen Modellen anvertrauen, ist offen.

Die Fortschritte belegen Chinas neue Rolle als KI-Taktgeber. Doch ob die Trendsetter für jeden Anleger geeignet sind, ist fraglich. Wer investiert, setzt auf technologische Weltspitze in einem politisch hochkomplexen Umfeld – zusammen mit der Bewertungshürde nichts für schwache Nerven.

Weiterführende Informationen zu diesem Thema:

KI-Aktien: Im Bewertungsvergleich mit den USA hat China noch Potenzial

Zeitenwende bei EM-Aktien: Ob KI bald Rohstoffe ersetzt

Droht China die größte KI-Blase? BofA sieht Parallelen zu Japan