Sorgen über eine schwache Industriekonjunktur und steigende Kosten haben auch vor deutschen Zyklikern nicht haltgemacht. Seit Jahresbeginn haben die Aktien von Jungheinrich und Kion zwischen 30 und 37% verloren, während der MDAX rund 9% im Plus liegt. Die Q1-Zahlen von Ende April/Anfang Mai konnten den Abwärtsdruck nur kurzzeitig bremsen. Zwar bestätigten beide Unternehmen ihre Prognosen. Überzeugend war das jedoch nur bedingt: Kion-CEO Rob Smith arbeitet mit einem breiten Zielkorridor, während der CEO von Jungheinrich, Lars Brzoska, am unteren Ende der Spanne rückläufige Umsätze und ein sinkendes EBIT einkalkuliert.

Erfreulich ist bei Kion, dass sich die Nachfrage nach Lagerautomatisierung und Supply-Chain-Lösungen zunehmend stabilisiert. Nach den Überkapazitäten aus der Pandemiephase mehren sich die Hinweise auf eine Normalisierung der Nachfrage. Strategisch gewinnt dieser Bereich an Bedeutung, da er höhere Margen und strukturell bessere Wachstumsperspektiven als das klassische Staplergeschäft bietet.

Bei Jungheinrich zeigte sich ein gemischteres Bild. Zwar stieg der Auftragseingang ebenfalls deutlich um knapp 11%, jedoch waren Umsatz und Profitabilität rückläufig. Selbst nach Bereinigung um nicht wiederkehrende Kosten sank die EBIT-Marge um 150 Basispunkte auf 6,5%. Hier macht sich der Preisdruck chinesischer Konkurrenten stärker bemerkbar als bei Kion.

Auf Basis der erwarteten Gewinne für 2026 wird die Kion-Aktie (43,84 Euro; DE000KGX8881) derzeit mit einem KGV von rund 14 bewertet, bei Jungheinrich (25,11 Euro; DE0006219934) liegt das Multiple bei 10. Aus Bewertungssicht steht dabei weniger der kurzfristige Gewinnverlauf im Mittelpunkt, sondern die über den Zyklus normalisierte Ertragskraft.

Bei Kion lag die EBIT-Marge historisch in starken Phasen im oberen einstelligen Bereich bis nahe 10%, in schwächeren Zyklen deutlich darunter. Ein plausibles Mid-Cycle-Niveau liegt bei 7-8%, woraus sich ein normalisiertes EPS von rund 3,0 bis 3,5 Euro ableiten lässt. Der aktuelle Konsens erwartet für 2026 bereits 3,2 Euro, also mitten in diesem Band, und für 2027 sogar 4,4 Euro, was einer EBIT-Marge im oberen historischen Bereich entspräche. Der Markt unterstellt damit keine moderate Normalisierung, sondern eine vergleichsweise zügige Rückkehr zu Hochphasenprofitabilität.

Ob das realistisch ist, hängt entscheidend davon ab, wie schnell sich das Automatisierungsgeschäft erholt und ob Kion die Preissetzungsmacht zurückgewinnt, die es in früheren Zyklen hatte. Bei einem zyklischen Multiple von 12 bis 14 auf das normalisierte EPS ergibt sich ein Fair-Value-Korridor von etwa 36 bis 50 Euro. Zum aktuellen Kurs ist damit ein erheblicher Teil der Gewinnnormalisierung bereits eingepreist; das verbleibende Aufwärtspotenzial hängt davon ab, ob der Konsens Recht behält.

Jungheinrich zeigt ein stabileres Zyklusprofil. Der Umsatz hat sich seit 2015 nahezu verdoppelt, die EBIT-Marge bewegte sich über weite Strecken zwischen 7 und 8% und ist im aktuellen Zyklus, belastet durch Sondereffekte, auf rund 4% zurückgefallen. Ein normalisiertes EPS von 2,5 bis 3,0 Euro erscheint plausibel; Der Konsens von 2,50 Euro für 2026 und 3,10 Euro für 2027 liegt damit weitgehend im Rahmen einer zyklischen Erholung, ohne bereits eine Rückkehr in außergewöhnlich starke Profitabilitätsphasen zu antizipieren. Bei einem Multiple von 11 bis 13 ergibt sich ein fairer Wert von rund 28 bis 39 Euro. Die Aktie wird damit näher am mittleren Zyklusniveau bewertet als Kion. Dadurch ist das Aufholpotential zwar begrenzt, aber zugleich auch das Enttäuschungsrisiko, sollte die Erholung langsamer verlaufen als erwartet.

Das klassische Argument, Zykliker dann zu kaufen, wenn sie auf gedrückten Gewinnen optisch teuer erscheinen, greift hier nur noch bedingt. Der günstige Eindruck beruht nicht auf besonders niedrigen Gewinnen, sondern auf Erwartungen, die eine Erholung bereits vorwegnehmen. Wer auf weitere Kursgewinne setzt, braucht daher mehr als eine Normalisierung. Er braucht eine positive Abweichung von den bereits ambitionierten Schätzungen.

Wir beobachten Kion weiter. Jungheinrich stufen wir auf Halten herab mit engem Stopp bei 23,80 Euro.