Tauschen Infineon und SAP im zweiten Halbjahr die Rollen?
Die jüngsten Entwicklungen deuten auf eine mögliche Sektor-Rotation an den Aktienmärkten hin. Zwei unserer laufenden Empfehlungen könnten davon besonders betroffen sein.

Der DAX ist am Freitagmorgen (3.7.) auf ein neues Allzeithoch bei über 25.800 Punkten geklettert. Auf Wochensicht konnte der Index gut 1.000 Punkte gutmachen. Auffällig dabei ist, dass sich in den vergangenen Tagen und Wochen neue Favoriten herauskristallisiert haben. Ein ähnliches Bild war zuletzt auch an den US-Märkten zu beobachten. Der vor allem seit April so bärenstarke Nasdaq 100 liegt auf Monatssicht mit 3% im Minus, während der Dow Jones Industrial um 4% gestiegen ist. Deutet sich hier eine Sektor-Rotation an?
Im DAX-Ranking des ersten Halbjahres 2026 gab es einen ganz klaren Gewinner. Die Aktie von Infineon legte 116% zu und war mit Abstand der Top-Performer. Hochtief und Siemens Energy folgten auf den Rängen zwei und drei mit Kurszuwächsen von „nur“ 50% bzw. 38%. Am Ende der Liste standen mit BMW, Rheinmetall und SAP drei Titel, die in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres jeweils mehr als 35% an Wert einbüßten. Auf Wochensicht wiederum legten vor allem Rheinmetall, aber auch SAP und BMW zu, während Infineon und Hochtief zu den wenigen (moderaten) Verlierern bei der laufenden Rekordjagd des DAX zählen.

KI sorgt für radikale Veränderung
Wir werfen vor diesem Hintergrund einen genaueren Blick auf unsere beiden laufenden Empfehlungen Infineon und SAP. Von Anfang 2011 bis Ende 2025 entwickelten sich beide DAX-Titel zwar nicht exakt im Gleichklang, unter dem Strich aber nahezu identisch (ca. +450%). Seit Jahresbeginn hat sich die Lage allerdings deutlich verändert. Hauptgrund dafür ist der Siegeszug der KI und die vom Markt eingepreisten Auswirkungen auf die Geschäftsmodelle. Während Infineon vor allem dank seiner Stromversorgungslösungen für KI-Anwendungen als großer Profiteur gilt, wird SAP wie die gesamte Softwarebranche von Diskussionen über eine mögliche KI-Disruption belastet. Die Walldorfer setzen derweil selbst voll auf die KI-Karte, wie auch die jüngsten Berichte über Kosteneinsparungen und einen noch stärkeren Fokus auf KI-Kompetenzen, Talente und Technologien belegen.
Die veränderte Erwartungshaltung zeigt sich auch in der Entwicklung der Konsensschätzungen seit Jahresbeginn. Für Infineon wurden die Wachstumsziele für 2026/27 bzw. 2027/28 (jeweils per 30.9.) beim Umsatz um 9% bzw. 13%, beim EBIT um 25% bzw. 22% und beim EPS um 17% bzw. 27% erhöht. Für SAP liegen die Prognosen für 2027 und 2028 beim Umsatz um 3% bzw. 4%, beim EBIT um 8% bzw. 16% und beim EPS um 1% bzw. 2% unter den Annahmen vor gut sechs Monaten. Trotzdem werden für den Softwarekonzern weiterhin zweistellige Wachstumsraten sowie ein deutlicher Margenanstieg unterstellt. Der Gewinn je Aktie soll demnach von 2026 bis 2029 jedes Jahr um 17-19% steigen. Bei Infineon werden EPS-Zuwächse von 48% bzw. 31% erwartet, bevor die Gewinne 2028/29 dann stagnieren könnten.
EPS-Konsens steigt, Aktienkurs fällt
Was in drei Jahren passiert, lässt sich heute seriös natürlich nicht prognostizieren. Irgendwann wird aber der Zeitpunkt kommen, an dem der Markt über das Ende des laufenden Superzyklus spekuliert. Wir hatten vor einigen Wochen bereits darauf hingewiesen, dass die Infineon-Aktie in früheren Zyklen ihren Höhepunkt häufig schon erreichte, als die Gewinnschätzungen noch weiter stiegen. Auf Monatssicht wurde der EPS-Konsens für 2027/28 noch mal um 10% hochgeschraubt, während die mit einem 12-Month-Forward-KGV von 32 relativ hoch bewertete Aktie (77,16 Euro; DE0006231004) knapp 10% an Wert verloren hat. Sollte Infineon noch mal nach oben drehen, raten wir bei 93,60 Euro zum Verkauf des halben Bestands. Der zuletzt bewusst eng nachgezogene Stoppkurs bleibt bei 70 Euro.
Die SAP-Aktie (139,26 Euro; DE0007164600) ist mit einem 12-Month-Forward-KGV von 18 mittlerweile so günstig bewertet wie zuletzt Anfang 2023. In den vergangenen zehn Jahren lag das Gewinn-Multiple nie unter 16. Wenn es dabei bleiben sollte, müssten perspektivisch entweder die Gewinnschätzungen weiter sinken oder der Aktienkurs steigen. Die Maßnahmen von CEO Christian Klein, der die KI-Wende zur Chefsache gemacht hat und auch vor unpopulären Maßnahmen nicht Halt macht, kommen am Markt nicht überall gut an. Vermutlich ist es aber die einzige Chance, den Konzern auch in Zukunft gut dastehen zu lassen. Wir glauben unverändert an das Comeback der Aktie und empfehlen SAP weiter zum Kauf. Stoppkurs: 115,00 Euro.