Furiose Neubewertung von Spezialwerten im Zuge der zweiten KI-Welle
Engpässe rund um die neuen KI-Rechenzentren treiben Europas Halbleiterzulieferer kräftig an. Nach zum Teil sehr starken Kursanstiegen zählt jetzt die richtige Auswahl.

Der KI-Boom hat in den vergangenen Wochen verstärkt die zweite Reihe der europäischen Halbleiterzulieferer erreicht. Gefragt sind vor allem Aktien von Unternehmen, die von den Engpässen der nächsten Ausbaustufe der KI-Infrastrukturwelle profitieren. Je leistungsfähiger KI-Chips werden, desto wichtiger werden auch die weniger sichtbaren Teile der Lieferkette: schnelle Speicher, komplexe Substrate, präzise Verbindungstechnik, engmaschige Qualitätskontrolle und Spezialmaschinen. Der erwartete und zum Teil auch schon klar erkennbare Nachfrageboom in diesen Segmenten wird an der Börse mit Hochdruck gespielt. Die Kurse laufen dabei gerade heiß. Wir ordnen das Ganze sachlich ein:
Bei Suss Microtec stützen Rekordaufträge die KI-Story
Suss Microtec liefert hierzulande unter den Nebenwerten eine der klarsten KI-Infrastrukturstorys. Die in Garching hergestellten Maschinen werden für die komplexe Verpackung und die Verbindung von Halbleitern mit besonders schnellen Speichern für KI-Beschleuniger (HBM-Speicher) benötigt. Im Q1 (7.5.) gab es zwar deutliche Einbußen beim Umsatz (-30%) und der EBIT-Marge (4,3% nach 18,0%), der Auftragseingang stieg mit 149,3 Mio. Euro (+70%) aber auf ein neues Rekordniveau. Der Konzern sprach dabei explizit von einer „deutlich höheren Nachfrage von Schlüsselkunden nach Lösungen, die in der Wertschöpfungskette von KI-Chipmodulen zum Einsatz kommen“. Auch für die kommenden Monate rechnet der Vorstand mit einer sehr positiven Auftragslage, weshalb die Jahresziele (Umsatz: 425-485 Mio. Euro, Bruttomarge: 35-37%; EBIT-Marge: 8-10%) bestätigt wurden. Wir hatten bei der SDAX-Aktie (84,95 Euro; DE000A1K0235) im März zu Teilgewinnmitnahmen (+90%) geraten. Mittlerweile beträgt das Kursplus seit unserer Empfehlung im Oktober sogar schon 195%. Das 2026er-KGV liegt aktuell bei 42, der Gewinn je Aktie soll sich bis 2028 aber auch mehr als verdoppeln. Investierte Leser ziehen den Stoppkurs zunächst nur leicht von 36,00 Euro auf 40,00 Euro nach. Aufstockungen oder neue Investments bieten sich bei stärkeren Rücksetzern an. Akkumulieren Sie Suss Microtec bei 71,00 Euro.
AT&S mit Verzehnfachung des Aktienkurses
Bei AT&S läuft die KI-Story über IC-Substrate, die an (potenzielle) Kunden wie AMD oder Intel geliefert werden sollen. Dabei handelt es sich um sehr anspruchsvolle Trägerplatten im Gehäuse der Halbleiter. Sie verbinden die Chips elektrisch mit Speicher, Stromversorgung und dem Rest des Systems. Je größer und leistungsfähiger KI-Prozessoren werden, desto leistungsfähiger müssen diese Substrate sein. Hier gibt es einen enormen Engpass, der den Österreichern Preissteigerungen und eine höhere Auslastung bescheren dürfte. AT&S profitiert damit jetzt von dem frühzeitigen Ausbau der Kapazitäten, nachdem zuvor unter anderem der verzögerte Hochlauf der Produktion in den neuen Werken die Ergebnisse spürbar belastet hatte. Das führte im Jahr 2024 zu mehreren Umsatz- und Gewinnwarnungen sowie einer zweistufigen Reduzierung der Ziele für das gerade laufende Geschäftsjahr 2026/27 (per 31.3.). Wir haben über das zu diesem Zeitpunkt defizitäre Unternehmen zuletzt im Herbst 2024 berichtet, als der Abgang des Firmenchefs verkündet wurde. Unser „Abwarten“-Votum erwies sich zunächst als richtig, da sich der Kurs der Aktie (102,20 Euro; AT0000969985) im Anschluss nochmals halbiert hat. Vor gut einem Jahr startete dann aber ein fulminanter Aufschwung bis hin zu aktuell dreistelligen Kursniveaus. Die Bewertung erscheint vergleichsweise hoch, wobei die Gewinnschätzungen aktuell sehr stark schwanken. Wir ärgern uns über die verpasste Rally, raten aktuell von einem Einstieg aber ab. AT&S kommt auf die Beobachtungsliste.
PVA Tepla setzt den richtigen Fokus
Genau dort steht seit dem vergangenen Herbst auch die SDAX-Aktie (42,05 Euro; DE0007461006) von PVA Tepla. Nach den damals auf dem Kapitalmarkttag kommunizierten, sehr ambitionierten Zielen für das Jahr 2028 war der Kurs nochmals deutlich angestiegen, weshalb wir zu Gewinnmitnahmen geraten hatten. Seitdem ist der Kurs um weitere 44% gestiegen. Der Hightech-Maschinenbauer gilt dank der Fokussierung auf das Segment Metrologie (Messtechnik) als Profiteur der steigenden Prüfintensität in neuen Chiparchitekturen. Je komplexer KI-Chips und Speicherpakete werden, desto mehr Messpunkte entstehen. Schon während der Produktion müssen Schichten, Verbindungen und Materialeigenschaften kontrolliert werden. PVA TePla liefert dafür Anlagen für akustische beziehungsweise ultraschallbasierte sowie optische Inspektion. Vor knapp zwei Wochen (7.5.) meldete das Unternehmen für Q1 rekordhohe Auftragseingänge von 121,6 Mio. Euro (+164%) und bestätigte die Jahresziele (Umsatz: 255-275 Mio. Euro; EBITDA: 26-31 Mio. Euro). Bis zum Jahr 2028 soll das EBITDA den aktuellen Konsensschätzungen zufolge auf 75 Mio. Euro steigen, der Gewinn je Aktie von 0,53 Euro (2026) auf 1,96 Euro. Der Trend stimmt (fundamental und auch charttechnisch), weshalb wir bei Rücksetzern eine neue Position aufbauen wollen. Akkumulieren Sie PVA Tepla bei 36,00 Euro und setzen Sie den Stoppkurs dann auf 22,00 Euro.
Wilde Kurskapriolen bei LPKF Laser
LPKF Laser ist im laufenden Jahr einer der absoluten Top-Performer am deutschen Markt. Über 250% konnte die Aktie (19,65 Euro; DE0006450000) bislang 2026 zulegen. In der Spitze betrug das Kursplus sogar schon 435%. Dabei wurde der gesamte Anstieg bei vergleichsweise hohen Umsätzen im April und im ersten Drittel des Mai generiert. Auslöser dürfte ein über die sozialen Medien verbreiteter, sehr ausführlicher Beitrag eines Investment-Bloggers gewesen sein, in dem LPKF Laser wegen der selbst entwickelten LIDE-Technologie eine wichtige Rolle im entstehenden Ökosystem für Glassubstrate und Through-Glass-Vias eingeräumt wurde. Diese Technologie soll Glas so präzise strukturieren, dass es für künftige Hochleistungs-Chipgehäuse nutzbar wird. Der Vorstand des Unternehmens spricht von konkreten Gesprächen mit mehreren Kunden über erste Produktionssysteme; größere Volumenaufträge aus dem Advanced-Semicon-Packaging-Geschäft sind in der Jahresprognose aber noch nicht enthalten. Die Ende April (30.4.) veröffentlichten Q1-Zahlen (Umsatz: -32%; EBIT klar negativ) fielen noch schwach aus. Seit dem Hoch vor gut einer Woche hat die Aktie schon wieder 35% an Wert eingebüßt. Aktuell ist uns das alles noch etwas zu heiß und zu vage, weshalb wir LPKF zunächst auf die Beobachtungsliste setzen.