Expertenumfrage Teil 3

Drei Fragen, drei Antworten: Worauf Aktienfondsmanager 2026 besonders achten

Welche Kennzahl wird 2026 wichtig? Welche zentrale Annahme in den aktuellen Aktienbewertungen teilen die Experten nicht und welches Risiko unterschätzt der Markt? Von KI-Capex über freien Cashflow bis zum KBV: Lesen Sie die Antworten in Teil 3 unserer großen Expertenumfrage.

Jorg Schirmacher,
DAX-Schriftzug
DAX-Schriftzug © AdobeStock

Wir haben erfahrene Aktienfondsmanager und CIOs gebeten, ihren Aktien-Kompass für 2026 zu benennen und drei Fragen zu beantworten: Welche Kennzahl ist aus ihrer Sicht entscheidend, welche zentrale Annahme hinter den aktuellen Bewertungen teilen sie nicht und welches Risiko wird am Markt am ehesten unterschätzt? Auffällig ist, wie sehr 2026 am KI-Narrativ hängt: ob die Investitionen in Infrastruktur weiterlaufen, ob daraus tatsächlich ein belastbarer Return entsteht und wie viel der Produktivitätsgewinne am Ende in den Margen der Unternehmen ankommt. Genau hier verorten mehrere Befragte den wunden Punkt der aktuellen Bewertungen. Als unterschätzte Risikofaktoren nennen die Experten vor allem höhere Zinsen, eine hartnäckige Inflation und geopolitische Eskalationen.


Wenn Sie sich für 2026 auf genau eine Kennzahl als Aktien-Kompass festlegen müssten: Welche wäre das – und warum?


Bert Flossbach, Flossbach von Storch
Leider gibt es diese eine Kennzahl nicht. Aktienanalyse ist und bleibt ein umfänglicher Blick auf verschiedene Kennzahlen – und nicht zuletzt auf die weichen Faktoren, etwa die Qualität des Managements eines Unternehmens. Aber: Wenn ich eine Kennziffer hervorheben müsste, wäre es der freie Cashflow.

Bobby Vedral, Macro Eagle
Bei mir ist das immer eine Kombination aus drei Bewertungen: (1) Qualität des Managements, denn dem „Financial Cycle“ folgt meistens der „Fraud Cycle“. (2) Die Bewertung, wobei ich meistens auf das adjustierte KGV schaue. (3) Die Liquidität der Aktie.

Martin Lück, Macro Monkey
Es wäre die einfachste, bekannteste und langweiligste, nämlich das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), möglicherweise ergänzt durch seine konjunkturbereinigte Variante (CAPE). Der Grund für diese Wahl ist, dass ohnehin keine Kennzahl Über- oder Unterbewertungen über verschiedene Unternehmen, Sektoren oder gar Regionen hinweg wirklich verlässlich abbildet. Wichtiger ist daher, Kennzahlen zu beobachten, die eine möglichst hohe Zahl an Marktteilnehmern ebenfalls verfolgen, und das trifft vor allem für KGV/CAPE zu. Denn in Zeiten, in denen es vor allem darum geht, ob sich in Märkten Blasenrisiken aufbauen, ist der Herdentrieb der Anleger entscheidend. Insofern zählt weniger, was ein einzelner Investor denkt, bzw. ob er mit einer vielleicht präziseren Kennzahl Bewertungsrisiken besser abbildet. Entscheidend ist, was der Markt denkt.

Benjardin Gärtner, Global Head of Equity, DWS
Die Kennzahl, die für Aktien im kommenden Jahr besonders relevant sein wird, ist das Capex-Wachstum für die KI-Infrastruktur, also das Wachstum der Investitionsausgaben. Diese Kennzahl zeigt, ob der massive KI-Investitionszyklus der vergangenen Jahre weiter anhalten wird. Allein im Jahr 2025 wurden 500 Mrd. Dollar in den Auf- und Ausbau von KI-Datencentern investiert. Kein Wunder also, dass die KI-getriebene Produktivität die Basis für die Margenstabilität und das Gewinnwachstum von Unternehmen ist. Das gilt für viele Branchen: Technologie, Industrie, Rohstoffe, Bau, Infrastruktur – um nur die wichtigsten zu nennen. Noch ein Wort zur Bedeutung von KI im Jahr 2026: Wir erwarten für 2026 ein Gewinnwachstum von 16% im KI-bezogenen Technologiesektor; für den Rest des Marktes rechnen wir mit einem Gewinnwachstum von 8%. Das zeigt die Bedeutung dieses Bereichs.

Roger Peeters, pfp Advisory
Lassen Sie mich vorwegschicken: Generell halten wir es bei pfp Advisory im Anlageprozess für vorteilhaft, eben nicht auf eine vermeintliche „goldene Kennzahl“ zu setzen, sondern besser mit vielen verschiedenen und möglichst wenig korrelierten Kennzahlen zu arbeiten. Wenn ich mich 2026 bei der Marktbeobachtung auf eine Kennzahl konzentrieren müsste, hielte ich das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) für aufschlussreich. Der Hintergrund ist der, dass wir ein durchaus heterogenes Bild in den Bewertungen der Aktienmärkte haben. Und am KBV kann ich diese Unterschiede vergleichsweise gut ablesen. US-Aktien und Tech-Werte generell notieren hier (auch im historischen Vergleich) sehr hoch. Bei Nebenwerten aus Europa beispielsweise trifft dies nur in seltenen Fällen zu. Der Markt ist eben nicht ausschließlich teuer oder billig. Es kann gut sein, dass diese Schattierungen im Bewertungsgefüge im Jahr 2026 noch mal relevant werden.

Christian Jasperneite, Chief Investment Officer M.M. Warburg
In den vergangenen Jahrzehnten galt Handel vordergründig als Kooperation auf Augenhöhe, doch zunehmend wird er von vielen Staaten als geopolitisches Instrument genutzt. Die Globalisierung veränderte mit der Finanzkrise 2008 erst langsam, dann immer schneller ihren Charakter. Der globale Wendepunkt war wahrscheinlich Chinas Entscheidung, von der Welt unabhängiger zu werden und gleichzeitig die Welt von China abhängig zu machen. Die USA haben diesen geopolitischen Wandel früher erkannt als Europa. Ihr Interesse an Venezuela ist in diesem Kontext zu sehen: Das Land verfügt neben viel Erdöl vor allem über gewaltige Vorkommen an Seltenen Erden. Auch die jüngste Beschlagnahmung eines russischen Öltankers durch die USA, der wohl venezolanisches Öl transportierte, beweist die aktuelle geopolitische Relevanz. Spätestens seit Russlands Angriff auf die Ukraine ist klar, dass Länder wieder bereit sind, Grenzen mit Waffengewalt zu verschieben. Das könnte China ermutigen, in Taiwan einzumarschieren, und auch ein russischer Angriff auf NATO-Staaten scheint nicht mehr ausgeschlossen. Daher sind gerade in der Aktienselektion Kennzahlen entscheidend, die Hinweise auf die Resilienz von Unternehmen bei geopolitischen Anspannungen liefern. Da „klassische“ Kennzahlen fehlen, könnte eine Herleitung von Scorings durch KI ein probates Mittel sein.

Thomas Kruse, CIO Amundi Deutschland
Grundsätzlich sollten sich Aktienkurse an der Dynamik der Unternehmensgewinne orientieren. Das klassische Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) bleibt deshalb eine robuste und leicht verständliche Kennzahl, um die Attraktivität von Aktiensegmenten zu beurteilen. Die aktuelle KI-Transformation hat allerdings erhebliche Fantasie in Gewinnerwartungen und Bewertungen gebracht – das erklärt einen Teil der hohen Marktbewertungen der letzten Jahre. Trotzdem sollten wir bewährte Maßstäbe der Bewertung nicht ohne Weiteres durch neue Kennzahlen ersetzen. Es empfiehlt sich daher aus meiner Sicht, das KGV einzelner Segmente stets relativ zu ihrer eigenen zwanzigjährigen Historie zu betrachten. Dieser historische Referenzrahmen erlaubt es, absolute Bewertungen einzuordnen und gleichzeitig relative Chancen zu identifizieren. Viele Segmente erscheinen absolut hoch bewertet; dennoch finden sich relativ zur eigenen Historie Differenzen, die Investitionsmöglichkeiten signalisieren. Ein Beispiel: Europäische Small- und Midcaps notieren aktuell oft nur zwischen rund 30 und 70% ihrer historischen Bewertungen und liegen damit teilweise unter ihrem 20-Jahres-Durchschnitt. Solche Relativbewertungen sind ein wertvoller Ausgangspunkt für selektive Allokationen. Das Aktiensegment der „Magnificent Seven“ illustriert die Balance zwischen Fantasie und Basisbewertung: Ein KGV leicht über 30 stellt diese Titel als absolut gesehen hoch bewertet dar, doch historisch bewegen sie sich bei etwa 70% aller beobachteten Bewertungen und damit noch unter extremen Spitzenwerten von über 95%. Das zeigt: Hohe Bewertungen müssen nicht zwingend Übertreibungen sein, erfordern aber eine sorgfältige Prüfung der Gewinnerwartungen und der Nachhaltigkeit von Margen. Fazit: Das KGV bleibt – relativ gesehen in einem historischen Kontext über 20 Jahre – unsere zentrale Bewertungsleitlinie. Es hilft, Überbewertungen zu erkennen, relative Chancen aufzuspüren, etwa im Bereich der europäischen Small-/Midcaps – immer verbunden mit einem strikten Risikomanagement, Diversifikation und einer Prüfung der zugrunde liegenden Gewinnerwartungen.

Frank Fischer, CEO der Shareholder Value Management
Mein Aktien-Kompass für 2026 ist die Kapitalrendite, da hohe Renditen auf das eingesetzte Kapital langfristig jede rein kurzfristige Bewertungschance schlagen. In einem Umfeld, das von hoher Staatsverschuldung und Inflationsrisiken geprägt ist, dient diese Kennzahl als ultimativer Beweis für die Qualität eines Geschäftsmodells und dessen strukturelle Wettbewerbsvorteile. Nur Unternehmen, die so ihre Ertragskraft stabil halten, können den Zinseszinseffekt voll ausschöpfen und als ‚Modern Value‘-Anker in einem unsicheren Marktumfeld fungieren.

Robert Rethfeld, Wellenreiter Invest
Der McClellan-Oszillator stellt die Marktbreite dar. Der Indikator ist momentan positiv, was bedeutet, dass der US-Markt auf einer gesunden Basis steht. Sollte dieser Indikator negativ werden, wird die Marktbreite schwächer und die Gefahr einer Korrektur verstärkt sich.


Welche zentrale Annahme steckt in den aktuellen Aktienbewertungen (z. B. zu Margen, Zinsen, Wachstum), die Sie nicht teilen – und warum?


Bert Flossbach, Mitgründer, Flossbach von Storch
Und auch wenn wir noch weit entfernt scheinen von den Bewertungsexzessen der Dotcom-Zeit – die Erwartungen an die zukünftige Ertragsentwicklung, die einzelne Tech-Aktienkurse derzeit reflektieren, müssen erst noch erfüllt werden. Insofern gibt es unseres Erachtens mehr Szenarien, in denen sich einzelne Kurse wieder halbieren könnten, als dass sie sich ein weiteres Mal verdoppeln. Heißt: Wir bleiben vorsichtig, wohl wissend, dass die Rally durchaus noch weiterlaufen kann. Es gibt jedoch keinen Boom, der nicht in Übertreibung endet.

Bobby Vedral, Gründer, Macro Eagle
Neben den Bewertungen ist mir das Konzentrationsrisiko in den USA zu hoch. Ein Drittel des Aktienmarkts entfällt auf eine Handvoll „Hyperscaler“, und durch „Circular Finance“ sind sie am Ende alle mit OpenAI und NVIDIA verbunden. Der Capex-ROI von KI wird 2026 verstärkt unter die Lupe kommen, und wir werden einige „KI-Angst“-Wellen erleben.

Martin Lück, Gründer, Macro Monkey
Die Annahmen für Wachstum und Margen dürften – zumindest in der kürzeren Frist, also auf Sicht von 2026 – weitestgehend realistisch sein. Bei den Zinsen bin ich nicht so sicher. Trotz vermutlich weiterer Zinssenkungen der Zentralbanken in Europa un den USA dürften die längerfristigen Zinsen eher steigen, die Kurven also steiler werden. Da sich hieraus auch die Diskontierungszinsen für die Unternehmensbewertung ableiten, vermute ich an dieser Stelle die wahrscheinlichste Fehlerquelle für die aktuellen Aktienbewertungen.

Benjardin Gärtner, Global Head of Equity, DWS
Grundsätzlich erwarten wir für das Jahr 2026 weiter einen attraktiven Mix von lockerer Geldpolitik, expansiver Fiskalpolitik und einer steigenden Produktivität, getrieben von KI. Das sollte sich in einem zweistelligen Gewinnwachstum der Unternehmen niederschlagen. Diesbezüglich teilen wir die derzeit vorherrschende Konsensus-Meinung am Markt. Die aktuelle Volatilität in anderen Anlageklassen wie Zinsen, Währungen oder Öl ist niedrig und bestätigt uns in dieser Annahme. Alpha generieren wir über Branchen und Trends bei Einzeltiteln. Unser Augenmerk gilt hier insbesondere den Gewinndivergenzen.

Roger Peeters, Geschäftsführender Gesellschafter, pfp Advisory
Viel der Bewertung im Markt beruht auf der Annahme, dass die sehr hohen Bewertungen bei den „Magnificent seven“ auch durch hohe Ertragsstärke unterlegt sind, dies oftmals in Verbindung mit sehr hohen Margen. Und ob diese in der Höhe bleiben, kann man zumindest hinterfragen.

Christian Jasperneite, Chief Investment Officer M.M. Warburg
Laut aktueller Margen scheinen Unternehmen grundsätzlich in der Lage, mit Herausforderungen wie hohen Zöllen oder Verlagerungen von Wertschöpfungsketten gut umzugehen. Diese Meinung teile ich auch. Was ich nicht ganz teile, sind die impliziten Inflationserwartungen, die mit aktuellen Zinsen kompatibel wären. Das globale Zinsniveau spricht dafür, dass Märkte nicht von einer erneuten Phase höherer Inflationsraten ausgehen. Vor dem Hintergrund einer anhaltenden Deglobalisierung bei gleichzeitig sehr hoher Staatsverschuldung, expansiver Fiskalpolitik und eher unterstützender Geldpolitik wären leicht höhere Renditen eigentlich logisch.

Thomas Kruse, Chief Investment Officer, Amundi Deutschland
Diese Frage muss man meines Erachtens in zweifacher Hinsicht beantworten. Zum einen lässt sich empirisch beobachten, dass sich die Bewertungen in nahezu allen größeren Aktiensegmenten – unabhängig davon, ob es sich um Wachstums- oder Value-Titel, zyklische oder defensive Branchen handelt – oberhalb ihrer langjährigen Durchschnitte bewegen. Zum anderen beruhen diese erhöhten Bewertungen auf zwei grundlegenden Annahmen, deren Tragfähigkeit zu prüfen ist. Die erste Annahme ist, dass die Produktivität der Unternehmen durch den Einsatz von KI mittel- bis langfristig spürbar steigt und sich in höheren Gewinnen niederschlägt. Gemessen in heutigen Preisen wären damit substanzielle Gewinnsteigerungen zu erwarten. Doch hier verbirgt sich ein möglicher Trugschluss: Die KI wird zwar Produktivitätsgewinne ermöglichen, gleichzeitig verändert sie aber die Wettbewerbssituation. Ein bedeutender Teil dieser Effizienzgewinne kann in Form sinkender Endkundenpreise weitergereicht werden. Somit verbleiben nicht alle Produktivitätszuwächse als zusätzliche Marge bei den Unternehmen. Die zweite Annahme ist die Erwartung, dass Zentralbanken in Krisenzeiten stets als „Lender of Last Resort“ fungieren und durch Zinssenkungen und Liquiditätszufuhr die Kapitalmärkte stützen. Angesichts hoher Staatsverschuldung in vielen Industrieländern und einer Inflation, die zunehmend strukturelle Komponenten annimmt, ist diese Erwartung nicht mehr uneingeschränkt haltbar. Fiskalpolitische Möglichkeiten sind zunehmend begrenzt, und reale Zinssenkungsspielräume könnten schwinden, sodass geldpolitische Reaktionen weniger expansiv ausfallen als in früheren Krisen. Aus beiden Gründen sind Grenzen für eine weitere Multiple-Expansion zu erwarten: Die zukünftige Bewertung der Aktienmärkte wird sich stärker an der tatsächlichen Gewinndynamik ausrichten müssen statt an der Hoffnung auf immer günstigere finanzielle Rahmenbedingungen. Ein besonderes Augenmerk verdienen die sogenannten „Magnificent Seven“. Positiv ist, dass heute verstärkt in Rechenkapazitäten investiert wird statt ausschließlich in die Entwicklung der KI. Offen bleibt, in welchem Umfang und zu welchen Preisen produzierende Unternehmen diese Kapazitäten abrufen. Diese Unsicherheit kann die Gewinnentwicklung und damit die Bewertungen dieser Schwergewichte durchaus volatil beeinflussen. Besonders aufgrund des Risikos der Volatilität sowie auch der Marktkonzentration gilt es, bei diesen Titeln die eigene Positionierung kritisch zu hinterfragen.

Frank Fischer, Vorstandsvorsitzender, Shareholder Value Management
In Europa und je nach Branche finden sich viele Aktien, die günstig bewertet und mit Sicherheitsmarge zu kaufen sind. Die zentrale Annahme hinter den aktuell hohen US-Aktienbewertungen ist im Kern ein goldenes „20er-Jahre/Soft-Landing + KI-Produktivität”-Szenario: keine Rezession, sondern 1-2% strukturell höheres GDP-Wachstum, daraus resultierendes robustes Gewinnwachstum, anhaltend hohe und durch KI sogar steigende Margen – und gleichzeitig ein gutes Liquiditätsumfeld mit moderat fallenden Zinsen. Konkret stecken darin drei “Wetten”, die aufgehen müssen: 1) Der Markt preist ein, dass Unternehmen die (historisch hohen) Margen halten können – u.a. weil KI/Automatisierung die Produktivität hebt und durch Effizienzen die Kostenquoten senkt. 2) Die Gewinn-Multiplikatoren bleiben nur so hoch, wenn der Federal Reserve-Diskontsatz nicht steigt. Daher wird Trump die Zölle senken müssen – siehe die italienischen Pasta Zölle. 3) Bewertungsziele werden explizit mit hohem Gewinnwachstum pro Aktie gerechnet – d.h.: die Gewinne müssen liefern, nicht nur die Multiplikatoren. Wenn eine dieser drei Stützen wackelt (Margen werden gedrückt durch Lohn/Zoll-Preisdruck, Zinsen steigen oder Gewinnwachstum enttäuscht), ist die Bewertung schnell “zu teuer”.

Robert Rethfeld, Wellenreiter Invest
Ich teile die Annahme einer KI-Blase solange nicht, bis sich ein niedrigerer Hochpunkt im Nasdaq 100 ausgebildet hat. 2000 und 2008 war dies jeweils der Fall.


Welches Risiko für die Aktienmärkte wird von Anlegern derzeit am stärksten unterschätzt – und warum?


Bert Flossbach, Flossbach von Storch
Wie immer gilt: Die unterschätzten Risiken kennt man immer erst, wenn sie sich materialisiert haben. Insofern lässt sich diese Frage nur schwerlich beantworten.

Bobby Vedral, Macro Eagle
Genauso wie ich eine Aktie nur kaufe, wenn die Bewertung stimmt, bewerte ich Risiken aus der Perspektive der Absicherungskosten. Aus dieser Betrachtungsweise ist das Risiko höherer Renditen in den USA am attraktivsten zur Absicherung. Es ist klar, dass die Fed zu Zinssenkungen gezwungen wird. Aber wie wir bereits sehen, heißt das nicht, dass die 10Y-Rendite sinkt. Trotzdem hat US-Finanzminister Scott Bessent einen sehr guten Job gemacht, die Renditen in einer Bandbreite zu halten. Sollte das jedoch nicht klappen und die Renditen nach oben ausbrechen (Inflationsangst, Fed-Takeover, Fiscal Worries), dann gehen alle Märkte runter. Zinsvolatilität ist ziemlich billig. Daher ist die Absicherung gegen höhere US-Renditen wohl mein liebster Tail Hedge derzeit.

Martin Lück, Macro Monkey
Dies dürfte das Risiko sein, dass der Grund für die nächste massive Korrektur an den Aktienmärkten weder von einer Rezession noch von einer Finanzkrise herrührt, sondern von einem schweren geopolitischen Konflikt. Angesichts des derzeitigen Harakiri der US-Außenpolitik könnte ein derartiger Konflikt von den verschiedensten Seiten herrühren. Eine russische Provokation europäischen NATO-Territoriums in der Annahme, Trump lässt Putin gewähren, könnte eine Variante sein. Eine andere wäre die Vorstellung, China könnte die gegenwärtige allgemeine Abgelenktheit durch Venezuela, Grönland etc. ausnutzen, um einen Angriff auf Taiwan zu lancieren. Eine dritte recht naheliegende wäre eine Eskalation der Lage in Iran, mit Ansteckung des gesamten Mittleren Ostens. Alle diese Szenarien hätten vermutlich das Potenzial, erhebliche Korrekturen an den Aktienmärkten auszulösen.

Benjardin Gärtner, Global Head of Equity, DWS
Das größte Risiko für die Märkte sehen wir darin, dass die massiven Investitionen in KI nicht die erwartete und notwendige Produktivitätsrendite liefern. Sollte dies eintreten, würde dies einen erheblichen Druck auf die Bewertungen ausüben, sprich die derzeit sehr hohen Bewertungsprämien von US-Aktien würden wohl deutlich fallen und zu deutlichen Kursverlusten führen. Das ist allerdings nicht unser Basisszenario. Es könnte 2026 aber auch positive Überraschung geben. So ist es durchaus vorstellbar, dass die KI zu höheren Effizienzsteigerungen führen wird als bislang erwartet. Zudem könnte das verstärkte US-Onshoring, also die Rückverlagerung von Produktions-, Dienstleistungs- oder Lieferkettenaktivitäten in die USA, für mehr Wachstumsimpulse sorgen als bislang vom Markt eingepreist. Weitere mögliche Katalysatoren fürs Wachstum könnten von der US-Fiskalpolitik kommen und von einer geopolitischen Entspannung im Russland-Ukraine-Konflikt.

Roger Peeters, pfp Advisory
Wenn irgendein „schwarzer Schwan“ im laufenden Jahr auftaucht, wie wir es beispielsweise 2020 mit Corona oder 2022 mit dem russischen Angriff auf die Ukraine gesehen haben, dann ist ja eben charakteristisch, dass ihn praktisch niemand auf der Uhr hat. Entsprechend müsste ich bei der Suche nach den meist unterschätzten Risiken sehr exotisch spekulieren, was ich nicht für zielführend halte. Von den häufiger thematisierten Risiken würde ich bei einem Angriff der VR China auf Taiwan mit den übelsten Verwerfungen rechnen, nicht nur an der Börse.

Christian Jasperneite, Chief Investment Officer M.M. Warburg
Es gibt eine zu große Leichtfertigkeit hinsichtlich chinesischer Aktien. Viele chinesische Unternehmen haben in den letzten Jahren Unglaubliches geleistet und dominieren inzwischen ganze Technologien und Prozessketten. Auch die chinesische Volkswirtschaft hat in den letzten Jahrzehnten eine historisch fast einzigartige Transformation von einem armen Entwicklungsland zu einer dominierenden Volkswirtschaft vollzogen. Diese Leistung kann nicht hoch genug bewertet werden. Trotzdem: Wer Aktien hält, muss implizit darauf vertrauen können, dass Eigentumsrechte nicht angetastet werden. Das ist im Fall von China fraglich. Dieses Risiko wird in der Breite des Marktes aus meiner Sicht vollkommen unterschätzt.

Thomas Kruse, CIO Amundi Deutschland
Aufgrund stark steigender Verschuldungsraten in den großen Industrieländern sehen wir das kurz- und mittelfristige Risiko besonders in der Entwicklung der Inflation und in den damit verbundenen Spielräumen der Zentralbanken – vor dem Hintergrund einer sich zuspitzenden geoökonomischen Lage gewinnt dieser Aspekt verstärkt an Bedeutung. Viele Prognosen gehen davon aus, dass eine sinkende Inflation den großen Zentralbanken – allen voran der Fed, aber auch der EZB – Raum für Zinssenkungen im kommenden Jahr verschaffen wird. Für die EZB ist diese Annahme insofern plausibel, als das Inflationsziel von 2% in der Eurozone bereits weitestgehend erreicht ist. In den Vereinigten Staaten jedoch verharrt die Inflation auf einem höheren Niveau von rund 3%. Auch für 2026 erwarten wir bei Amundi für die USA eine vergleichsweise hohe Inflation von ca. 3%. Gerade der US-Handelspolitik kommt vor diesem Hintergrund eine besondere Bedeutung zu. Sollte ein Teil der erhöhten Zollbelastungen an den US-Endkonsumenten weitergegeben werden, drohen stärkere Lohnforderungen und damit nachhaltiger Inflationsdruck. Damit stünde der Fed nur ein begrenzter Spielraum für eine weiterhin expansive Geldpolitik zur Verfügung. Die zunehmende Versteilerung der Zinsstrukturkurven im Zusammenspiel mit den jüngsten Zinssenkungen deutet zusätzlich darauf hin, dass auch die hohen Verschuldungsraten für die Notenbanken zu einer mittelfristigen Belastung werden könnten. Für die Kapitalmärkte ergibt sich insofern folgendes Risiko: Sollte sich besonders für die Fed der Spielraum für weitere Zinssenkungen nicht ergeben, würde das aufgrund der hohen Bewertungen zu einer deutlichen Enttäuschung an den Kapitalmärkten führen. Hinzu kommt, dass ein anhaltend hohes Zinsniveau zudem die Zinskosten für hochverschuldete Staaten erhöht. Somit wird der fiskalpolitische Spielraum reduziert, was wiederum die Möglichkeiten einer expansiven Wirtschaftspolitik begrenzt.

Frank Fischer, CEO der Shareholder Value Management
Das Risiko, das von den Anlegern derzeit am stärksten unterschätzt wird, ist eine toxische Kombination aus der trügerischen Sicherheit im KI-Sektor und den massiven personellen sowie monetären Umbrüchen in den USA. Während der Markt in breiter Euphorie schwelgt, steuern wir im Jahr 2026 auf eine Zäsur zu, die viele Portfolios unvorbereitet treffen könnte. Hier sind die zentralen Faktoren, warum diese Risiken unterschätzt werden: 1) Die KI-Konzentrationsfalle: Anleger feiern KI derzeit primär als universellen Produktivitätstreiber. Tatsächlich profitieren jedoch nur sehr wenige Unternehmen wirklich von dieser Revolution. 45% der von der Bank of America befragten Fondsmanager identifizieren eine KI-Aktienblase bereits als das größte Risiko für 2026. Ich gehe davon aus, dass wir dieses Thema über eine deutliche Marktkorrektur „abarbeiten“ müssen, sobald die Diskrepanz zwischen massiven Infrastruktur-Investitionen und realen Gewinnsteigerungen offensichtlich wird. 2) Die Neubesetzung des Fed-Vorsitzes: Ein massives, aber kaum beachtetes Risiko ist der personelle Wechsel an der Spitze der US-Notenbank. Eine neue Führung unter politischem Einfluss könnte radikale und „kreative“ Wege gehen, um das US-Schuldenproblem zu lösen. Diskutiert werden Optionen wie Quellensteuern auf Anleihezinsen für ausländische Gläubiger oder die Emission von US-Staatsanleihen ohne Zinscoupon. Solche Schritte würden das Vertrauen in den US-Dollar und die Stabilität der globalen Rentenmärkte erschüttern. 3) Das Arbeitsmarkt-Paradoxon: Der Markt unterstellt für die USA weiterhin eine gute Beschäftigungsquote. Unterschätzt wird jedoch, dass der Arbeitsmarkt durch den zunehmenden KI-Einsatz bereits zu schwächeln beginnt. Dies bringt die Fed in ein Dilemma: Sie müsste eigentlich die Zinsen senken, um die Wirtschaft zu stützen, ist aber gleichzeitig durch eine hartnäckige Inflation (von 45% der Experten als Hauptrisiko genannt) gezwungen, die Zinsen länger hochzuhalten. 4) Liquiditätsmangel und Extrem-Sentiment: Die strategische Cash-Quote institutioneller Anleger ist mit 3,7% auf einem historisch niedrigen Niveau, was auf eine gefährliche „Overconfidence“ hindeutet. Wenn die Zentralbanken (auch die EZB) aufgrund der Inflation die Zinsen nicht wie erhofft senken oder gar erhöhen müssen, entzieht dies dem Markt die lebensnotwendige Liquidität. Märkte sind historisch am schwächsten, wenn sie sich – wie heute – nur auf eine Handvoll Blue-Chip-Namen konzentrieren. Aktuell ist die Fed wieder übergangslos von QT auf QE gewechselt und Trump dürfte viel im Rahmen der Fiskalpolitik tun, um eine höhere Zustimmung seiner Wähler zu erhalten. Solange das so bleibt, sind die Aktienmärkte gut unterstützt.

Robert Rethfeld, Wellenreiter Invest
Schon ein geringfügiger Anstieg der 10-jährigen US-Rendite über die Marke von 4,20% kann die Aktienmärkte zu einer Korrektur veranlassen.

Bisher in dieser Serie erschienen:

Expertenumfrage Teil 1: Wachstum, Inflation, Zinsen, Gold, Dollar: Das erwarten unsere Volkswirte für 2026

Expertenumfrage Teil 2: Zwischen KI-Euphorie und Bewertungsrealität: Was Strategen und Fondsmanager für 2026 erwarten

Expertenumfrage Teil 3: Drei Fragen, drei Antworten: Worauf Aktienfondsmanager 2026 besonders achten

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