Die anhaltende Resilienz der globalen Aktienmärkte stellt viele Marktteilnehmer vor ein Erklärungsproblem. Trotz eskalierender geopolitischer Spannungen, insbesondere im Nahen Osten, der erhöhten Unsicherheit in Bezug auf Energiepreise, Handelsströme und Sicherheitsarchitektur notieren zentrale Aktienindizes weiterhin in der Nähe ihrer Höchststände. Was nur haben Aktienanleger geraucht? Blenden sie den Irrsinn in der Welt auf unverantwortliche Weise aus?

Drei strukturelle Erklärungsfaktoren

Nein. Die scheinbare Diskrepanz lässt sich rational erklären, durch mindestens drei strukturelle Faktoren, die in ihrer Kombination die Risikowahrnehmung der Investoren maßgeblich beeinflussen.

  1. Die fundamentalen Ingredienzen von Aktienpreisen, nämlich Unternehmensgewinne und Zinsen, haben sich bisher kaum verändert.
  2. Ein Rohstoffkostenschock wie der Iran-Krieg produziert Gewinner und Verlierer; diese gleichen sich über die Aktiensektoren bislang einigermaßen aus.
  3. Im Hintergrund werden die Aktienmärkte von einer der mächtigsten Technologierevolutionen der letzten Dekaden angefacht, dem KI-Boom.

Zusammen bewirken diese drei Faktoren enorm robuste Aktienmärkte, selbst in Zeiten des Irrsinns.

Solide Fundamentaldaten als Stabilitätsanker

Schaut man genauer hin, so fungieren vor allem die robusten Unternehmensgewinne weiterhin als zentraler Stabilitätsanker. Die laufende Berichtssaison unterstreicht die Widerstandsfähigkeit der Realwirtschaft gegenüber exogenen Schocks. In den USA liegt das aggregierte Gewinnwachstum des S&P 500 im ersten Quartal 2026 bei rund 25-30% im Jahresvergleich, während gleichzeitig etwa 80-85% der Unternehmen die Analystenschätzungen übertreffen. Auch die Umsatzseite zeigt sich stabil, mit Wachstumsraten im mittleren einstelligen Bereich, was auf eine weiterhin solide Nachfrage hindeutet.

In Europa fällt das Bild etwas moderater, aber dennoch positiv aus: Für den STOXX Europe 600 wird ein Gewinnwachstum von rund 8-12 % berichtet, ebenfalls oberhalb der Konsensschätzungen. Entscheidend ist dabei weniger das absolute Wachstum als vielmehr die Stabilität der Margen, die bislang nicht in dem Maße unter Druck geraten sind, wie es angesichts steigender Inputkosten und geopolitischer Risiken zu erwarten gewesen wäre. Diese Fundamentaldaten begrenzen die Notwendigkeit für eine Neubewertung der Märkte nach unten. Nimmt man unterstützend hinzu, dass die Zinsen, mit denen die Gewinnerwartungen abdiskontiert werden, nur unmaßgeblich gestiegen sind, ergibt sich ein weiterhin sehr gesundes fundamentales Bild der Aktienmärkte.

Die Kompensationsdynamik des Iran-Schocks

Auch der zweite Faktor lässt sich am aktuellen Beispiel des Iran-Kriegs in fast idealtypischer Form beobachten. So zeigt sich auf Sektorebene eine ausgeprägte Kompensationsdynamik. Geopolitische Schocks wirken nicht homogen, sondern erzeugen Gewinner und Verlierer. Während transportnahe Branchen, zyklische Konsumgüter und energieintensive Industrien unter steigenden Kosten und Unsicherheit leiden – exemplarisch sichtbar an temporären Kursrückgängen von 2-5% in Indizes wie dem DAX sowie deutlicheren Verlusten bei Einzeltiteln aus der Luftfahrt- und Tourismusbranche – profitieren andere Segmente überproportional. Insbesondere Energieunternehmen verzeichnen durch steigende Öl- und Gaspreise signifikante Gewinnrevisionen nach oben; ein Preisanstieg von etwa 40-60% bei Gas kann kurzfristig zu Gewinnsprüngen von über 50% im Sektor führen. Parallel dazu erleben Verteidigungs- und Sicherheitsunternehmen eine strukturelle Neubewertung, gestützt durch steigende staatliche Ausgabenprogramme. Diese sektorale Divergenz führt dazu, dass Verluste einzelner Branchen auf Indexebene weitgehend kompensiert werden. Für breit diversifizierte Investoren bleibt die Gesamtmarktentwicklung daher stabil, auch wenn die Volatilität innerhalb der Sektoren zunimmt.

KI-Boom als struktureller Gegenwind

Der dritte Faktor, die Einordnung der Iran-Krise in die gegenwärtig stattfindende Technologierevolution rund um Künstliche Intelligenz, spielt eine zentrale Rolle als Bewertungsanker und Zukunftsnarrativ. Die Kapitalmärkte preisen zunehmend die Erwartung ein, dass KI mittelfristig signifikante Produktivitätsgewinne generieren wird. Schätzungen großer Forschungsinstitute gehen davon aus, dass KI das globale Produktivitätswachstum um ein bis zwei Prozentpunkte pro Jahr erhöhen könnte, insbesondere in wissensintensiven Branchen. Diese Erwartung spiegelt sich bereits in den Bewertungen großer Technologieunternehmen wider, die einen überproportionalen Anteil an der Indexperformance tragen. Allein die größten Technologiekonzerne im S&P 500 stehen inzwischen für mehr als 25% der Marktkapitalisierung und einen noch höheren Anteil am Gewinnwachstum. Damit fungiert der Technologiesektor als struktureller Treiber, der negative Impulse aus anderen Bereichen überlagern kann. Nicht nur stehen Aktieninvestoren auch in wackligen Zeiten dem Markt konstruktiver gegenüber, sie haben auch mehr Bedenken, ihre Positionen zu reduzieren. FOMO, die Angst, einen Jahrhundertboom zu verpassen, ist in Zeiten von Technologiesprüngen nicht zu unterschätzen.

Marktstabilität als Ergebnis rationaler Risikogewichtung

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die aktuelle Marktstabilität kein Ausdruck von Ignoranz gegenüber Risiken ist, sondern das Ergebnis einer komplexen Überlagerung von Fundamentaldaten, sektoralen Verschiebungen und langfristigen Wachstumserwartungen. Für Anleger ergibt sich daraus die Notwendigkeit, über einfache Risikoindikatoren hinauszugehen und die Interdependenzen zwischen Mikro- und Makroebene differenziert zu analysieren. Die scheinbare Gelassenheit der Märkte ist somit weniger ein Zeichen von Sorglosigkeit als vielmehr das Resultat einer rationalen Gewichtung konkurrierender Einflussfaktoren, bei der kurzfristige Unsicherheiten gegen langfristige Ertragsperspektiven abgewogen werden. Um auch in derart irren Zeiten investiert zu bleiben, muss man gar nichts rauchen.

Autor

Dr. Martin Lück ist Ökonom und Kapitalmarktstratege mit über 30 Jahren Berufserfahrung in der Finanzindustrie. Ende 2024 gründete er die Researchfirma Macro Monkey, die Analyse und Beratung für Makroökonomie, Kapitalmärkte und (Geo-)Politik anbietet, und übernahm Ende 2015 zusätzlich die Rolle des Kapitalmarktstrategen für Deutschland und Österreich bei Franklin Templeton. Davor arbeitete er jeweils gut acht Jahre lang als Chefstratege für die DACH-Region bei BlackRock und Chefvolkswirt von UBS Deutschland. Seine Berufslaufbahn startete Martin Lück mit einer Ausbildung zum Bankkaufmann und Studium der Wirtschaftswissenschaften in Hannover. Tätigkeiten als Kapitalmarktvolkswirt und -stratege führten ihn nach Frankfurt am Main, wo er heute lebt und arbeitet.