Was sich derzeit am Ölmarkt abspielt, lässt aufhorchen. Obwohl die globalen Lagerbestände nach dem Hormus-Schock und monatelang ausgefallener Produktion historisch niedrig sind, geben die Ölpreise nach. Das wirkt wie eine Entkopplung von den Fundamentaldaten. Die Erklärung dafür liegt erstaunlich offen zutage: Die US-Regierung versucht sichtbar, den Markt nach unten zu steuern. Bei der Unterzeichnung des Iran-Deals in Versailles formulierte Donald Trump die Marschrichtung wörtlich: „Now oil down, stocks up.“

Massive Freigaben strategischer Ölreserven, gut getimte Social-Media-Posts und auffällig große, zeitgleiche synthetische Future-Verkäufe fügen sich in dieses Bild. Gleichzeitig erklären fundamentale Öl-Analysten Lagerbestände und Öl-Flows plötzlich für weniger maßgeblich. Doch genau dieser neue Konsens ist verdächtig. Denn kaum ein Politikinstrument hat historisch eine schlechtere Erfolgsbilanz als der Versuch, Rohstoffpreise staatlich nach unten zu drücken.

Warum Washington nicht anders kann

Hinter dieser Strategie steht handfeste Politik. Niedrige Ölpreise dämpfen die Inflationserwartungen am langen Ende und stützen die Märkte. Für die anstehenden Midterms braucht die US-Regierung grüne Vorzeichen in den großen US-Indizes.

Hinzu kommt: Die jüngsten US-Iran-Verhandlungen in der Schweiz bleiben fragil. Bislang wurde über die Umsetzung des Rahmenabkommens verhandelt und ein 60-Tage-Fahrplan für einen finalen Friedensvertrag sowie ein hochrangiges Kommitee vereinbart. Doch Trumps Hormus-Drohungen und die anhaltenden Kämpfe Israels im Libanon, an deren Ende Iran die Öffnung der Straße von Hormus knüpft, könnten den Prozess jederzeit wieder kippen lassen.

Vor allem aber ist das KI-Rennen mit China inzwischen zu einer Art digitalem Wettrüsten geworden. Anthropic-Modelle, die Sicherheitssysteme in bislang ungekanntem Maß aushebeln können, sind für Nicht-US-Bürger bereits strategisch restringiert. Dieses Wettrüsten können die USA nach dem Iran-Debakel nicht verlieren. Die zugesagten Reparationen von 300 Mrd. US-Dollar an Iran wirken wie ein offenes Eingeständnis von Schwäche. Nach dem überstürzten Abzug aus Afghanistan wäre dies ein weiterer signifikanter Schlag für den Hegemon Amerika.

Vom KI-Race zum Energie-Race

Die US-Führungsposition hängt wesentlich am eigenen Kapitalmarkt. Er zieht globales Humankapital an wie ein Magnet und holt die besten Researcher und Entwickler von KI-Systemen ins Land. Eine nachhaltige Energie-Rally würde diese Sogwirkung schwächen.

Steigen die Energiekosten stark und dauerhaft, sinken unmittelbar die Rentabilitätskennzahlen für den energieintensiven Ausbau von KI-Infrastruktur und Datenzentren. Damit gerät auch die Wirtschaftlichkeit der Modelle unter Druck. KI ist Compute, und Compute ist Energie. Aus dem KI-Rennen wird zwangsläufig auch ein Energie-Rennen.

Genau hier könnte sich das nächste große Narrativ für den Energie-Investitionszyklus aufbauen. Die Capex-Reaktion der Öl- und Gasförderer bleibt trotz „Drill, baby, drill“ bislang verhalten. Bei den aktuellen Preisen lohnt sich eine aggressive Ausweitung der Produktion kaum. Sobald die staatliche Preisdrückung an ihre Grenzen stößt, riskiert die US-Regierung daher eine schnelle Aufholbewegung bei den Ölpreisen.