Steht Siemens Energy vor einem Milliardenregen?
Siemens Energy prüft die Abspaltung der Industrie-Transformationssparte. Das Segment könnte als eigenständiges Unternehmen seinen Wert um mehr als die Hälfte steigern.

Unter dem Projektnamen „Voyager“ prüft Siemens Energy die mehrheitliche Abspaltung des Segments Transformation of Industry (ToI). Das berichtete am Donnerstag (18.6.) das „Manager Magazin“ und verlieh der Aktie damit frischen Schwung. Vom Allzeithoch Ende April bei 187,62 Euro verlor sie bis Mitte Juni rund ein Viertel; seither holte sie die Hälfte davon auf. Allein am Donnerstag legte die Aktie zwischenzeitlich nochmals um 6% zu.
Was ist Transformation of Industry?
ToI erwirtschaftet einen Jahresumsatz von 5,7 Mrd. Euro. Das sind rund 15% des Konzernumsatzes. Rund 17.000 Mitarbeiter werden in den Bereichen Kompressoren, Dampfturbinen und Elektrolyseure beschäftigt. Denkbar wären eine Abspaltung oder ein Börsengang von rund 60% der Anteile. Gas Services und Grid Technologies (zusammen gut 60% des Konzernumsatzes) verbuchen Rekorde bei Umsatz und Aufträgen und erzielen bereinigte EBITA-Margen (Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Amortisation) von über 16%. ToI kommt auf rund 11%. Höhere Kapitalrendite zieht die Investitionen an: ToI hat deshalb konzernweit stets das Nachsehen.
Als eigenständiges Unternehmen könnte das Segment seinen Wert laut konzerninternen Szenarien von 9,5 auf bis zu 15 Mrd. Euro steigern und die Umsatzrendite von 11,3% auf bis zu 18% heben. Wettbewerber Atlas Copco erreicht diese Margen heute bereits. Noch im Mai hatte CEO Christian Bruch Abspaltungspläne zwar abgelehnt, allerdings ausdrücklich nur für das Windgeschäft Gamesa. ToI ist eine andere Diskussion; laut Insidern will sich das Unternehmen spätestens im Spätsommer intensiver damit befassen.
Wie ernst es Siemens Energy mit dem Ausbau seiner Kerngeschäfte meint, zeigt der Großauftrag vom Mittwoch (17.6.) von 50Hertz, einem der vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber: Siemens Energy liefert die Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungstechnologie (HVDC) für eine Offshore-Konverterplattform in der Nordsee. Das Milliardenprojekt markiert die Rückkehr des Offshore-Konverterbaus nach Deutschland. Bis 2045 erwartet die Bundesregierung allein für den deutschen Markt 33 solcher Plattformen.
Ist die Aktie schon davongelaufen?
Nein. Das 12-Month-Forward-KGV der DAX-Aktie (170,76 Euro; DE000ENER6Y0) fiel jüngst von 35 im März auf 29,5 und liegt damit erstmals seit Februar 2024 leicht unter dem zehnjährigen Durchschnitt von 30,2. Damals notierte die Aktie noch bei 14 Euro; heute steht sie beim über Zehnfachen. Auf Basis der für 2028 erwarteten Gewinne liegt das KGV bei 23. Zur Einordnung: US-Wettbewerber GE Vernova käme auf dieser Basis immer noch auf 32. Gestützt wird die Bewertung durch steigende Gewinnschätzungen: Allein seit Jahresbeginn hob der Konsens die Erwartungen für 2026, 2027 und 2028 jeweils um rund 20% an. Die nächsten Impulse dürften spätestens bei Vorlage der Q4-Zahlen im November kommen, wenn das Management neue Langfristziele für 2030 vorlegen will.
Siemens Energy bleibt ein Kauf. Stoppkurs: 120,00 Euro.