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Russland – Neuer Realismus in St. Petersburg

Die Sanktionen des Westens hinterlassen Spuren beim russischen BIP.
Die Sanktionen des Westens hinterlassen Spuren beim russischen BIP. © CC0

_ Die diesjährige Ausgabe des Petersburger Wirtschaftsforums konzentrierte sich im Schatten des Ukraine-Kriegs notgedrungen auf die Lage und Perspektiven Russlands vor dem Hintergrund der selbstverschuldeten Isolation. Elvira Nabiullina, die als Chefin der russischen Zentralbank CBR zum Kreis der entscheidenden Wirtschaftspolitiker zählt, richtete sich mit ihrer Feststellung, dass die äußeren Bedingungen „sich langfristig, wenn nicht sogar für immer, geändert haben“, wohl eher an das inländische Publikum und dämpfte die Hoffnung, dass die Zustände von vor dem russischen Überfall auf die Ukraine in absehbarer Zeit wiederhergestellt werden könnten.

Sie sieht die russische Wirtschaft vielmehr einem starken Anpassungsdruck ausgesetzt. Russland wurde mit einer Vielzahl von Sanktionen belegt, hunderte ausländischer Unternehmen haben ihre Tätigkeit im Land eingestellt oder sich ganz zurückgezogen. Die Anpassung sollte in jedem Fall zu einer stärkeren Orientierung der Unternehmen auf die Binnenmärkte führen und weg vom hohen Exportanteil. Diese Perspektive verknüpfte sie allerdings auch mit einer Umorientierung der Produktion weg von der starken Konzentration auf die Rohstoffförderung und hin zu den Endprodukten, um einen größeren Teil der Wertschöpfungskette im Inland zu halten.

Wirtschaftsminister Maxim Reschetnikow ergänzte Nabiullinas Einschätzung über die längere Sicht mit dem momentanen Stand der offiziellen russischen Prognosen für das BIP im laufenden Jahr, denen zufolge ein Minus von 7,8% zu erwarten sei, nachdem es zuletzt „eine Welle verbesserter Einschätzungen und Prognosen“ gegeben habe. Zum Vergleich: Der IWF und die EBRD hatten in ihren Frühjahrsausblicken -8,5% bzw. -10% angesetzt. Die Weltbank nannte in ihrem unmittelbar vor dem Treffen erschienenen globalen Ausblick für Russland ein Minus von 8,9%.

Auch Sberbank-CEO Herman Gref schätzt die Perspektiven eher schwach ein: Die russische Wirtschaft werde erst 2024 wieder Wachstum sehen und käme in den nächsten zehn Jahren nicht über den Stand von 2021 hinaus, wenn es keine durchgreifenden Reformen gebe. Gref zufolge entfallen 56% der russischen Exporte und 51% der Importe auf Länder, die Sanktionen gegen Moskau verhängt haben, womit unterm Strich 15% des russischen BIP im Feuer stünden. Damit dürften sich die Hoffnungen auf eine schnelle Substitution der aufgrund von Sanktionen nicht mehr verfügbaren Güter als Makulatur erweisen.

Dies trifft etwa auf die Dienste der texanischen Öl- und Bohrtechnikfirma Baker-Hughes zu, die pünktlich zum Petersburger Treffen sämtlichen Service für Russland, Ingenieurleistungen im Anlagenneubau sowie Instandsetzung und Wartung, beendet hat. Das wird nicht nur das laufende Novatek-Projekt „Arctic LNG“ ausgebremsen, sondern auch für einen schleichenden Niedergang der Produktion sorgen.

Der wirtschaftliche Rückstand Russlands auf den Westen wird sich in den nächsten Jahren laufend vergrößern, was keine Investitionsempfehlung ist.

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