Neue Arbeitswelt

Hubis kleiner Horrorladen – Homeoffice für alle

Thomas Hey
Thomas Hey © Bird & Bird LLP

Ich finde Homeoffice klasse. Es klappt doch ganz wunderbar. Dank der hervorragenden Konzern-IT, die es geschafft hat, 10.000 Arbeitnehmer oder zumindest sehr viele Kollegen im Unternehmen, innerhalb weniger Tage vom Büro auf das Homeoffice zu verschieben. Das ist eine technische Glanzleistung. Je nach Unternehmen mal mit dem vom Unternehmen bezahlten Bildschirm, Drucker, Tastatur oder nur mit dem eigenen Notebook mit Screen in Din A4 Größe. Aber geklappt hat es fast überall. Das ist wirklich eine technisch herausragende Leistung. Ebenso beeindruckend, wie, dass fast alle Telefonkonferenzen, WebExen, Microsoft Teams, Zoom und andere virtuelle Konferenzen klappen. Das ist wirklich großartig. So großartig, dass wir jetzt dringend einen Anspruch auf dieses tolle Homeoffice brauchen.

Hubi (Bundesarbeitsminister Hubertus Heil) hat es erkannt! Er vergisst dabei, dass es die Niederländer seit ca. zwei Jahren vormachen und die Grünen bereits einen Gesetzesentwurf hierzu eingebracht haben. Aber trotzdem: Aus Corona lernen heißt siegen lernen! Also brauchen wir dringend einen Anspruch auf Homeoffice. Allerdings für beide Seiten! Wenn wir für Arbeitnehmer einen Anspruch auf Homeoffice haben wollen, dann sollten wir auch für Arbeitgeber einen aufnehmen. Warum darf ich als Arbeitgeber nicht meine Arbeitsplätze im Büro auf die Hälfte oder noch viel weniger verringern und die Arbeitnehmer zwangsweise dauerhaft ins Homeoffice setzen? Der ein oder andere stört im Büro ohnehin nur, wenn er jeden Tag kommt.

Hubertus Heil hat verkündet, er würde in diesem Jahr noch einen Anspruch auf Homeoffice in den Bundestag einbringen. Wie gesagt: Homeoffice ist großartig. Das probieren zurzeit über 10.000.000 Deutsche, haben dabei die Chance ihre Kinder täglich zu sehen und ihren Partner viel öfter zu treffen als sonst. Außerdem kommen viele Arbeitgeber bestimmt auf die Idee, wie sie Flächen reduzieren können, die Ausstattung am Arbeitsplatz günstiger gestalten können und vor allem diese sehr unangenehme Frage, ob das Großraumbüro wirklich das richtige ist, nicht weiter diskutieren zu müssen. Zusammengefasst: Homeoffice ist die Zukunft! Außerdem kann man als Workaholic-Chef immerhin rund um die Uhr seine Mitarbeiter anrufen und Themen besprechen, die einem gerade auf dem Weg zwischen Büro und Zuhause zwischen 22:00 Uhr und 24:00 Uhr einfallen. Der Arbeitnehmer ist ja mobil und flexibel und daher immer erreichbar. Super! Das ist eindeutig die Zukunft. Ich spare mir als Arbeitgeber das Büro in München Mitte, habe einen ständig erreichbaren Arbeitnehmer und muss auch vor allem nicht in dessen unausgeschlafenes Gesicht am nächsten Morgen um 7 Uhr gucken, wenn ich ihn direkt beim Zähneputzen wieder anrufe. Großartig übrigens auch, dass man sich im Homeoffice seine Kollegen selbst aussuchen kann und man weder mit dem blöden dauernd auf Kopfhörern Hip-Hop hörenden Jugendlichen ein Zimmer teilen muss noch mit der kettenrauchenden Kollegin, die jede Stunde zweimal auf die Straße geht, um ein Lungenbrötchen durchzuziehen.

Ganz vergessen ist natürlich bei diesem Homeoffice-Thema, dass die lästige Pendelei, Zeiten in überfüllten Zügen oder auf überfüllten Autobahnen und unnötige Geldausgaben für ein stinkendes Dieselauto oder für den öffentlichen Personennahverkehr wegfallen.

Viele Kollegen sagen auch, dass sie zu Hause viel effizienter sind, weil der Plausch mit den Kollegen und die unnötige Ablenkung beim Mittagessen mit den Kollegen wegfällt. Aus Sicht des Mitarbeiters weiterhin großartig: Der Chef kann nicht ständig ins Zimmer kommen und evtl. über die Schulter auf den Bildschirm spähen, ob man vielleicht grade etwas bei Amazon bestellt oder gar den nächsten Urlaub bucht. Das „U“-Wort ist beim Chef ja eh tabu.

Pragmatisch: Aus verschiedensten Gründen macht flexibles und vor allem mobiles Arbeiten Sinn. Es gibt vielfältige Gründe hierfür. Es gab auch vor Corona schon viele Unternehmen mit attraktiven und intelligenten Konzepten und guten Ideen, welche dann sowas umsetzen können würden. Dabei sollte nicht ganz übersehen werden, dass die Bedürfnisse von Arbeitnehmern und Unternehmen hier äußerst unterschiedlich sind. Auch die Motive für ein Arbeiten „out of office“ sind sehr verschieden. Wie könnte man dies ideal eingießen:

Zuerst könnte man über das niederländische Modell nachdenken. Dies funktioniert ähnlich wie das uns allen gut bekannte Teilzeit- und Befristungsgesetz.

Eine zweite Idee wäre es, den Tarifvertragsparteien die Möglichkeit zu geben, einen solchen Anspruch auszugestalten – dann gäbe es in tariffreien Unternehmen eben keinen Anspruch auf Homeoffice.

Alternativ könnte man in den § 87 BetrVG eine neue Ziffer einfügen, sodass in Unternehmen ein Initiativrecht für den Betriebsrat bestünde, Homeoffice einzuführen, das per Einigungsstelle durchsetzbar wäre. Wiederum würden aber Arbeitnehmer in Unternehmen ohne Betriebsrat, keinen Anspruch erhalten. Man könnte also bereits die Idee haben, dass eventuell die Frage nach dem Ort der Arbeit, bereits in den § 87 Ziffer 1 BetrVG oder unter den Einleitungssatz dieses Paragraphen falle. Allerdings dürfte es laut des bisherigen Rechts- und der Rechtssprechungslage für einen Betriebsrat schwierig sein, einen solchen Anspruch initiativ zu fordern und vor allem via Einigungsstelle durchzusetzen.

Gut wäre es weiterhin, wenn der Gesetzgeber sich einmal darüber im Klaren werden würde, ob er einen Anspruch auf mobiles Arbeiten oder auf Homeoffice regeln möchte.

Noch eine gute Idee: Man könnte auch hier den Arbeitnehmern, die mobil arbeiten, Vergünstigungen in anderen Gebieten anbieten, wie z.B. Steuererleichterungen, Vorteile bei der Gestaltung von Teilzeitarbeit, etc. Fördern statt Anspruchsregelung.

Aber wirklich: Es macht unheimlich viel Sinn, dass wir - durch Corona angestiftet - unsere aktuellen Arbeits- und Bürokonzepte überdenken. Großraumbüros sind sicher nicht pandemiefest.

Was also könnte man gegen einen Homeoffice-Anspruch einwenden? Er muss nur gut formuliert, ideal ausgedacht und vor allem von Unternehmen intelligent umgesetzt werden.

Wären da nicht diese ewig Gestrigen, diese vor 1970 geborenen Baby Boomer und noch ältere, die kein Verständnis für Arbeitsortsouveränität, Arbeitszeitsouveränität, Social Media und moderne Zusammenarbeitsformen haben. Diese Vollpfosten, die die neu gewonnene Freiheit vermiesen wollen, gibt es auf beiden Seiten:

Auf der einen Seite kommen sie mit Argumenten wie der Entgrenzung von Arbeit und Freizeit, der unentwegten Erreichbarkeit von Arbeitnehmern, die die Gefahr von Burnout und Boreout durch ständiges Beschäftigen mit den Themen der Arbeit und der Beeinträchtigung von Familie und Freizeit durch die ständige Präsenz der Arbeit im Privatleben. Schließlich seien auch nicht die Auswirkungen auf Ehe, Familie und Privatleben zu unterschätzen. Dazu sind viele Wohnungen dahinter drauf eingerichtet, dass beide Partner im Homeoffice arbeiten und eventuell die lieben Kleinen sogar Homeschooling per Video betreiben. Vier quäkende Lautsprecher könne man noch per Kopfhörer abfangen, allerdings, wenn alle vier in der Zweizimmerwohnung in München-Schwabing am Kopfhörer ins Mikrofon labern und über den großen Zweit- und Drittbildschirm verschiedenste Eindrücke in die Wohnung übertragen werden, wäre dies kaum zumutbar und würde zu Fluchtgedanken führen. Ganz falsch ist das nicht. Ich traf kürzlich virtuell einen Personalchef, der auf der Terrasse arbeitete, weil er seinem Kind für eine virtuelle Schulstunde sein Arbeitszimmer mit zwei Bildschirmen überlassen hatte.

Auf der anderen Seite sind die ewig Gestrigen, die meinen, die Bürogemeinschaft würde durch Homeoffice zu einer Zersplitterung der Teams führen, das Cross-Working würde nicht mehr funktionieren und vor allem, die gemeinsamen Ideen würden nicht mehr entwickelt werden. Kurzgefasst: Die Stärken der mühsam geübten Zusammenarbeit, würden in endlosen, vom Unternehmen geförderten Teamcoachingevents verloren gehen. Außerdem seien Homeoffice-Arbeiter ohnehin faul, würden eigentlich nur Urlaub machen und vor allem am schlimmsten: Sie seien nicht vernünftig zu überwachen. Weiterhin wären spontane Personalgespräche, Feedback oder auch Teammeetings einfach nicht möglich.

Zusammengefasst vertreten diese ewig Gestrigen die Meinung „nur im Büro liege das wahre Glück“ und „wer zu weit weg wohnt, macht ohnehin etwas falsch“ und „tägliches Commuting sei nur eine Frage des falschen Wohnortes, der eigentlich wie in alten Zeiten unmittelbar ans Werkstor gehöre“. Also weg mit dem Homeoffice, alle zurück ins Büro, der Chef sitzt idealerweise direkt neben der Eingangstüre und kontrolliert morgens um 08:00 Uhr, wenn er als erster kommt, ob auch alle rechtzeitig um 07:55 Uhr die Eingangstüre durchschreiten (07:55 Uhr, weil 5 Minuten zum Erreichen des Schreibtisches, Ausziehen des Mantels und Holen eines Kaffees notwendig sind). Die Pünktlichkeit des ordentlichen Arbeitnehmers ist 5 Minuten vor der Zeit.

Am Schluss: Das ist alles Unsinn. Wir brauchen einen Anspruch auf Homeoffice genauso wenig wie das Stempeln von Pausen, die Feststellung, dass Bonusmeilen dem Arbeitgeber gehören (innerdeutsch geflogen wird demnächst sowieso nicht mehr) oder eine Verpflichtung, Bewerber nur noch entsprechend folgender Schlüsselverteilung einzustellen: Alle drei Geschlechter, die regional vertretenen Volksgruppen, alle in Deutschland vertretenen Religionsgruppen, alle sexuellen Vorlieben. Aber wehe, es wechselt jemand hinterher das Geschlecht oder gar die Religion oder noch schlimmer, die sexuellen Vorlieben. Das könnte das Gleichgewicht zerstören.

Wir brauchen nicht mehr Vorschriften! Jedes personell rational agierende Unternehmen ist gut beraten, mobiles Arbeiten anzubieten. In welchem Maß das für das Unternehmen richtig ist, muss es selbst feststellen. Dabei sind eine ganze Reihe von Faktoren zu berücksichtigen: Vor allem, und dies ist das wichtigste, muss mobiles Arbeiten, je mehr es zum Einsatz kommt, umso stärker überlegt, geplant und organisatorisch ermöglicht werden. Nicht zuletzt müssen die Vorgesetzten das mobile Arbeiten entweder selbst vorleben oder zumindest so supporten, dass es tatsächlich stattfinden kann und kein Lippenbekenntnis bleibt. Homeoffice daher grundsätzlich „nein“. Mobiles, flexibles Arbeiten „unbedingt“. Einen fairen und diskriminierungsfreien Zugang hierzu „unbedingt auch“. Gewisse Leitplanken zu regeln „unabdingbar“. Menge, Art und Weise sowie Rückkehrmöglichkeiten muss jedes Unternehmen aber für sich selbst entscheiden dürfen.

Nicht zuletzt muss auch der Arbeitnehmer die Möglichkeit haben, in einen möglichst attraktiven und für ihn möglichst persönlichen, die Lust am Arbeiten im Büro anregenden Arbeitsplatz zu nutzen. Daher ist eine attraktive und vor allem anregende, vom Arbeitgeber angebotene Büroatmosphäre auch bei mobilem flexiblem Arbeiten unverzichtbar.

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