Ryanair – Tarifstreit der Extraklasse

Ryanair – Tarifstreit der Extraklasse
© Ryanair
(09.01.2018)

Ein Blick auf die Beschäftigungsstruktur des irischen Billigheimers Ryanair ließ schon langeerahnen, dass Airline-Chef Michael O‘Leary früher oder später den Zorn der Gewerkschaften zu spüren bekommen würde. Lange konnte er sich zurücklehnen, während der ärgste Rivale Lufthansa Millionen durch das streikfreudige Boden- und Bordpersonal verlor. Kurz vor Weihnachten ließ die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) ihrer Forderung nach Tarifverhandlungen dann Taten folgen.

Die Kapitäne bestraften Ryanair mit dem ersten Streik in der Firmen-Geschichte. Damit reagierten die deutschen Piloten auf ein kurzfristig abgeblasenes erstes Verhandlungsgespräch seitens Ryanair. Die Iren lehnten zwei VC-Tarifkommissionsmitglieder ab. Damit habe Ryanair die tarifpolitische Autonomie „mit Füßen getreten", wie die VC brüskiert kommentiert.

Längst ist der Disput dem üblichen tarifpolitischen Gerangel über das von Ryanair genutzte Schlupfloch, Piloten, losgelöst von ihrem Einsatzort nach irischem Recht – mit den dortigen niedrigen Sozialstandards – zu beschäftigen, entwachsen. Denn das häufig kritisierte „atypische Beschäftigungsmodell" der Scheinselbstständigkeit, wie es eine VC-Sprecherin ggü. PLATOW nennt, hat unlängst die Staatsanwaltschaft aufs Tapet gerufen.

Die Behörden ermitteln gegen die britischen Personaldienstleister Brookfield und McGinley, die für Ryanair Piloten beschäftigen. Dabei sollen Sozialversicherungsbeiträge in Höhe von 6 Mio. Euro unterschlagen worden sein. Nun wird zunehmend auch gegen Piloten selbst der Vorwurf des Steuer- und Sozialbetrugs laut, ohne dass diese Kapitäne im Kontakt mit den Personaldienstleistern gewesen wären, so die Kritik der VC. Die Anschuldigungen seien äußerst ernst, erklärt die Gewerkschaft. Ryanair selbst schweigt zu dem Vorwurf.

Von eigentlichen tarifpolitischen Verhandlungen sind die beiden Fronten nunmehr weit entfernt. Mit einem konkreten Forderungskatalog habe sich die VC noch nicht beschäftigt, so die Sprecherin. Sondierungen, ob und wie in dieser Situation verhandelt werden könne, standen am Freitag zunächst auf der Agenda. Parallel stellt sich O‘Leary dieser Tage auch der irischen Gewerkschaft Impact Trade Union. In winzigen Schritten bewegen sich die verhärteten Fronten. Der Wunsch der Gewerkschaften nach „legalen Arbeitsverhältnissen" stellt jedenfalls die meisten der bisherigen Tarifkämpfe in der Luftfahrt, bei denen um prozentuale Lohnerhöhung oder das Vorruhestandsalter gerungen wurde, in den Schatten.