Pirelli – Eine Legende wird nicht automatisch zum Börsenliebling

Pirelli steht für Reifen Pirelli steht für Reifen
© Pirelli S.p.A.
(06.10.2017)

Eine Legende ist zurück an der Börse. Zur Wochenmitte feierte der italienische Reifenkonzern Pirelli nach knapp zwei Jahren Abstinenz seine Rückkehr aufs Mailänder Börsenparkett. Von Feiern kann allerdings nur bedingt die Rede sein. Der Emissionspreis lag mit 6,50 Euro nur am unteren Ende der ursprünglichen Zeichnungsspanne von 6,30 bis 8,30 Euro. Zudem fiel die Aktie am ersten Handelstag zeitweise um bis zu 3,4%, konnte sich zum Ende ihres ersten Börsentages aber immerhin wieder fast an den Ausgabepreis heranarbeiten.

Inzwischen notiert das Papier (6,69 Euro; IT0005278236) deutlich über dem Emissionspreis, aber noch weit unterhalb der ursprünglichen Vorstellungen der Eigner. ChemChina, die vor gut zwei Jahren zwei Drittel der Anteile erworben hatten, und Vorstandschef und Pirelli-Schwiegersohn Marco Tronchetti Provera hatten zunächst auf bis zu 9,00 Euro je Aktie spekuliert. Damit wäre das Unternehmen in seiner Gesamtheit mit etwa 9 Mrd. Euro bewertet worden, was vielen Fondsmanagern als übertrieben erschien. Die im Börsendebüt erfolgte Bewertung von 6,5 Mrd. Euro erscheint da schon deutlich realistischer. Im Streubesitz befinden sich jetzt etwa 40%, also rd. 400 Mio. Aktien, wobei sich der fünftgrößte Reifenhersteller der Welt jetzt nur noch auf das hochmargige Konsumentengeschäft für Autos, SUVs und Motorräder konzentriert. Das weniger lukrative Industriegeschäft mit Lkw-Reifen wurde mit dem einer ChemChina-Tochter verschmolzen. Der Anteil der Chinesen an Pirelli sank im Zuge des Börsengangs auf 45% plus eine Aktie, Tronchetti Provera und die italienischen Großbanken UniCredit und Intesa halten zusammen etwa 10%. Etwa 5% hält der russische Investitionsfonds LTI, der in enger Beziehung zu Rosneft steht und sich zu einer Haltefrist von 180 Tagen verpflichtet hat.

Über die Bewertung des Unternehmens gibt es bislang noch keine frei verfügbaren Daten – die IPO-Banken halten ihre Bewertungen wie üblich unter Verschluss. Nur wenige Kennziffern sind öffentlich geworden. So dürfte das 2018er-KGV bei etwa 12 und damit über dem Branchendurchschnitt von 11,1 liegen. Das Reifengeschäft der Pirelli-Mitbewerber Continental und Michelin liegt knapp unter diesem Wert, während die finnische Nokian mit ihrem auf Winterreifen spezialisierten Geschäft auf ein KGV von fast 16 kommt. Zu der vergleichsweise hohen Bewertung kommen weitere Fragezeichen hinzu. So drückt Pirelli nach der Rosskur durch die Chinesen eine vergleichsweise hohe Schuldenlast. Weitere Anteilsverkäufe, vor allem durch den Rosneft-nahen Fonds LTI, sind nach Ablauf der Stillhaltefrist möglich. Und dann ist da noch die Frage, wer 2020 Nachfolger des amtierenden Firmen-Patriarchen Tronchetti Provera wird. Der Geschäftsmann, der 1978 die Pirelli-Tochter Cecilia heiratete, führt das Unternehmen seit 1992 und hat es schon einmal sehr erfolgreich entschuldet.

Pirelli gehört zweifelsohne zu den am besten bekannten Markennamen in Italien und hat renommierte Kunden wie BMW und Daimler. Die Neuaufstellung mit der Konzentra-tion auf das Konsumentengeschäft ist sicherlich geglückt und dürfte dem Unternehmen eine profitable Zukunft ermöglichen. Mit dem deutlich reduzierten Emissionspreis sind zudem die Bewertungsziffern der Aktie etwas realistischer geworden. Angesichts des möglichen Überhangs durch weitere Aktienverkäufe und wegen der noch fehlenden Transparenz über die künftige Geschäftsentwicklung bleiben aber Fragezeichen.

Die aktuelle Einschätzung zur Aktie von Pirelli finden Sie in der PLATOW Börse vom 6. Oktober 2017.