„Indien wird Reformen zeitnah umsetzen“

Indien gilt dank seines Wirtschaftswachstums und seiner hohen Bevölkerungszahl als lukrativer Markt für ausländische Unternehmen und Investoren. Doch hohe bürokratische Hürden sowie die schleppende Umsetzung wichtiger politischer, steuerlicher und gesetzgeberischer Reformen stehen einem deutlichen Zuwachs der Geschäftsbeziehungen im Wege. Warum Investoren den Subkontinent dennoch nicht aus den Augen verlieren sollten und was indische Unternehmen am Standort Deutschland schätzen, darüber hat PLATOW Recht mit Shardul S. Shroff, Managing Partner der indischen Wirtschaftssozietät Armarchand & Mangaldas, am Rande eines gemeinsam mit den Indienspezialisten der Sozietät Hengeler Mueller ausgerichteten Mandantenseminars in Frankfurt gesprochen.

In den Medien ist häufig von einem Reformstau in Indien die Rede. Wie beurteilen Sie das Tempo des Wandels?

Derzeit gibt es sechs wichtige politische Reformen in Indien, nämlich Mehrwert- und Einkommensteuer, ausländische Direktinvestition in Luftfahrt und Einzelhandel, Deregulierung der Preisbildung von Treibstoff und die Unternehmensgesetzgebung von 2011. Die indische Regierung ist eine Koalitionsregierung und bis eine Einigung aller Koalitionspartner erreicht ist, kommt es manchmal zu Reformverzögerungen. Die jüngste Androhung der Ratingagentur Standard & Poor‘s, Indien herabzustufen, ist eine Folge genau dieser Unzulänglichkeiten der Regierung und der Reformen. Abgesehen davon, sind viele Unternehmen und Investoren aber zuversichtlich bezüglich der langfristigen Aussichten Indiens. Verschiedenen Berichten zufolge haben sich die ausländischen institutionellen Investitionen in indische Aktien und Anleihen in diesem Jahr vervierfacht, auf 16,7 Mrd. US-Dollar. Der Sensex Aktienindex ist in diesem Jahr bereits um 14% gestiegen und macht Indien gemessen an der Performance zum zweitstärksten Aktienmarkt in Asien. Die BIP-Wachstumsrate für das erste Quartal 2012 lag bei 5,5%. Es gab offensichtlich ein hohes Maß an Wachstum und Investitionen in Indien. Bei den anstehenden Wahlen im Jahr 2014 erhoffen wir uns die Mehrheit einer einzigen Partei, was der Umsetzung der Reformen helfen würde.

Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptrisiken für Unternehmen, die in Indien investieren möchten?

Einige Herausforderungen, mit denen ausländische Investoren in Indien konfrontiert werden, sind die bürokratischen Hürden, lange verfahrenstechnische und administrative Wartezeiten, lange Reifephasen für Reformen, regulatorische Risiken und Unsicherheiten. Bekanntermaßen gibt es auch Infrastrukturdefizite und übermäßige Verzögerungen bei der Erteilung von Genehmigungen für Infrastrukturprojekte. So müssen Investoren beispielsweise im Fall einiger Projekte mehr als 65 regulatorische Freigaben einholen, bevor mit den eigentlichen Arbeiten begonnen werden kann. Die indische Regierung hat dieses Thema aber mittlerweile durch die
Förderung von Public Private Partnerships adressiert und ist dabei, vereinfachte Freigabeprozesse für Infrastrukturprojekte umzusetzen. Ein weiteres Problem ist die fehlende Klarheit über die steuerliche Behandlung von internationalen M&A-Transaktionen. Außerdem dauern in Indien Gerichtsverfahren zu lange.

Warum sollten sich Investoren dennoch jetzt engagieren?

Indien wird wahrscheinlich im nächsten Jahr das Tempo wirtschaftlicher Reformen erhöhen. Die Geschäftschancen vor allem in Bereichen wie Infrastruktur, Petrochemie, Energie, Automobil, Bildung, Elektronik-Hardware, Lebensmittelherstellung und Informationstechnologie sind sehr hoch. Indien verfügt über Rohstoffe sowie hochqualifizierte Arbeitskräfte und qualitativ hochwertige Management-Talente zu wettbewerbsfähigen Preisen. Laut einer UNCTAD-Umfrage ist Indien aus Sicht ausländischer Investoren das zweitprofitabelste Ziel in der Welt. Die Initiativen und Reformen, die von der indischen Regierung durchgeführt werden, gerade in Bezug auf vereinfachte Investitionsverfahren, liberalisierte Handels- und Devisenvorschriften, ein hohes Schutzniveau für geistiges Eigentum, Einführung eines Kartellrechts, steuerliche Anreize und Reformen im Finanzsektor, zielen darauf ab, Indien zu einem investitionsfreundlichen Land zu machen. Und mit Blick auf die günstige Bewertung von Unternehmen gäbe es keine bessere Zeit, in Indien zu investieren, als jetzt.

Wie interessant ist Deutschland für indische Unternehmen?

Deutschland ist die größte Volkswirtschaft in Europa und der größte Markt innerhalb der EU und bietet somit eine Fülle von Geschäftschancen. Deutschland verfügt über gut qualifizierte und pflichtbewusste Arbeitskräfte und die Marke „Made in Germany“ hat schon immer ausländische Investoren ins Land gezogen. Indische Unternehmen nutzen Deutschlands hochentwickelte technische Expertise und Infrastruktur für eine Verbesserung ihrer eigenen Fähigkeiten in Forschung und Entwicklung, z.B. für innovative Produktportfolios. Laut einem vom Institut für Technologie- und Innovationsmanagement veröffentlichten Bericht aus dem vergangenen Jahr belaufen sich indische Investitionen in Deutschland auf etwa 4,5 Mrd. Euro. Die Infrastruktur und technischen Möglichkeiten in Deutschland in Verbindung mit Low-Cost-Produktion und Marketing-Fähigkeiten indischer Unternehmen sorgen für die richtige Geschäftsverbindung. Man kann nicht bestreiten: Deutschland ist neben den Vereinigten Staaten von Amerika das bevorzugte Investitionsziel für indische Unternehmen.

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