Deutsche High Tech-Industrie im Schatten der „Exportklassiker“

Seit Jahren gehören Autos und Kraftwagenteile, Maschinen und chemische Erzeugnisse zu den Exportschlagern der deutschen Wirtschaft. Dabei wird die Bedeutung der deutschen Technologiebranche für den Export vielfach vergessen. Denn während der jüngsten Wirtschaftskrise erlebte die Ausfuhr von High Tech-Produkten eine kleine Renaissance.

Zwischen 2005 und 2008 sank deren Exportanteil von 15 auf 12,6%. Im Krisenjahr 2009 stieg die Quote allerdings auf 14%. Laut vorläufiger Daten des Statistischen Bundesamtes hielt sich der Anteil 2010 mit 13,7% nahezu auf Vorjahresniveau, obwohl auch die „Exportklassiker“ ein Comeback verzeichneten. Insgesamt fällt die Handelsbilanz für High Tech-Produkte 2010 zu deutschen Gunsten aus. Während im vergangenen Jahr 131,7 Mrd. Euro durch den Verkauf von Hochtechnologiegütern erwirtschaftet wurden, betrug der Wert der Einfuhren lediglich 121,6 Mrd. Euro.

Außenhandel 2010* mit Hochtechnologieprodukten

Hochtechnologie-
Gütergruppe

Ausfuhren

Einfuhren

Anteil am deutschen
Außenhandel in %

 

Milliarden Euro

Ausfuhren

Einfuhren

Luftfahrt

22,3

16,9

2,3

2,1

Computer und Büromaschinen

13,5

22,3

1,4

2,8

Elektronik und
Telekommunikationsgeräte

37,2

44,2

3,9

5,5

Pharmazie

16,8

14,6

1,8

1,8

Wissenschaftliche Instrumente

25,2

12,4

2,6

1,5

Elektrische Maschinen

3,8

3,0

0,4

0,4

Chemie

6,2

4,9

0,6

0,6

Nichtelektrische Maschinen

6,5

3,0

0,7

0,4

Waffen

0,4

0,1

0,0

0,0

Insgesamt

131,7

121,6

13,7

15,1

*vorläufiges Ergebnis; Quelle: Statistisches Bundesamt, Wirtschaft und Statistik,
April 2011

Auch nicht-elektrische Geräte sind High Tech

Bei der Einordnung eines Produkts als „Spitzentechnologie“ orientiert sich die Statistikbehörde an OECD-Maßstäben. Die internationale Organisation misst den Technologiegrad über die Forschungs- und Entwicklungsgelder, die im Vorfeld in die Produkte fließen. So verkaufte etwa die Luftfahrtbranche 2010 Hochtechnologieprodukte im Wert von 22,3 Mrd. Euro ins Ausland. In dieser Produktgruppe finden sich Flugzeuggetriebe, Propeller und Rotorblätter oder Navigationsgeräte. Der Wert der Einfuhren betrug dagegen nur 16,9 Mrd. Euro. Sogar nicht-elektrische Maschinen können laut OECD als Hochtechnologie gelten. Darunter fallen beispielsweise bestimmte Teile von Gasturbinen oder Nuklearreaktoren, Schleif-, Mahl-, Stanz oder Schmelzmaschinen.

Deutschlands größte Hochtechnologie-Produktgruppe innerhalb der Exportstatistik bildeten 2010 die Elektronik- und Telekommunikationsgeräte. Hierzu gehören etwa Telekommunikationsausrüstung, Glasfaserkabel, Halbleiterprodukte oder optische Geräte. Ihr Wert summierte sich auf 37,2 Mrd. Euro, ein Anteil von 3,9% an den Gesamtausfuhren. Danach folgten die wissenschaftlichen Instrumente, zu denen die Statistiker elektrodiagnostische Geräte, Orthopädiehilfen, hochwertige Messgeräte oder auch Motoren für elektronische Zahnbohrer zählen. Das Ausfuhrvolumen lag mit 25,2 Mrd. Euro bzw. 2,6% der Gesamtausfuhren allerdings deutlich niedriger als im Elektronik- bzw. Telekommunikationsbereich. Bei der Gesamtbetrachtung der deutschen Hochtechnologieprodukte zeigt sich also, dass auch „klassische“ Industriekonzerne wie Siemens oder MTU ihren Anteil zu den High Tech-Exporten beisteuern.

Gemessen an den Exportquoten haben die reinen Technologiekonzerne gegenüber den klassischen Industrieunternehmen häufig die Nase vorn. Das gilt ganz besonders für die Maschinenbauer im Technologiesektor. Zwei Kandidaten für den Spitzenplatz innerhalb des TecDAX sind Aixtron und Centrotherm. Die Hauptexportgebiete für beide Unternehmen sind die aufstrebenden Regionen in Asien. Während der LED-Maschinenbauer im ersten Quartal 89% seiner Umsätze in Taiwan oder China einfuhr, kam der Solaranlagenspezialist 2010 auf einen Anteil von 84%. Aus Anlegersicht muss dies aber nicht unbedingt für die Aktien der beiden Konzerne sprechen, wie die jüngste Kursentwicklung zeigt. Auch die PLATOW Börse nahm zuletzt eine abwartende Haltung ein.

In manchen Fällen weisen die Unternehmen nicht einmal das Umsatzvolumen in Deutschland aus. Das gilt beispielsweise für den Halbleiterspezialisten Dialog Semiconductor. 2010 waren 61,5% der Umsätze des TecDAX-Konzerns für China bestimmt, dahinter folgen der Produktionsstandort Ungarn (12,9%) und übriges Europa (8,9%). Ähnlich agiert Kontron, ein Spezialist für Embedded Computer Systeme oder „elektronische Gehirne“.

Bei allen Lobgesängen auf die Exportstärke der deutschen Industrie sollte die Bedeutung der High Tech-Branche also nicht unterschätzt werden. Vor dem Hintergrund, dass sich die Ausfuhr von Hochtechnologieprodukten während der Finanzmarktkrise als widerstandsfähiger als die Gesamtexporte erwiesen hat und dass einige Technologiekonzerne fast ausschließlich für das Ausland produzieren, gebührt der deutschen High Tech-Industrie in diesem Kontext mehr Aufmerksamkeit.

overlay

PLATOW EXTRA

Das PLATOW Extra ist Bestandteil folgender bezahlpflichtiger Abos:

  • DER PLATOW Brief
  • PLATOW Börse

ARTIKEL DIESER AUSGABE