Schwedische Attacke – Preiskampf in Europa wird härter

Nach den Vorzieheffekten vor der Einführung der neuen Abgasnorm Euro 6, die den Herstellern schwerer Lkw über sechs Tonnen noch den letzten Herbst versüßt haben, kommt jetzt der Kater. Der europäische Lkw-Markt hat im Juli gegenüber Vorjahr nur noch um 0,2% auf 152 000 Fahrzeuge zugelegt. Profitiert haben zuletzt vor allem die schwedischen Hersteller Volvo und Scania, deren Marktanteile im Juli um 2 bzw. 1% auf 15 bzw. 12,6% gestiegen sind. In der Branche ist längst die Rede von einem massiven Preiskrieg, in den zur Überraschung vieler auch die früher immer hochpreisige Volkswagen-Tochter Scania voll eingestiegen ist. Trotz umfangreicher, bei allen Herstellern in der Regel dreistelliger Investitionen in Motoren der neuen Generation, versuchen die Schweden über den Preis ihre Marktpositionen auszubauen. Bei DAF, wo der Marktanteil zuletzt deutlich auf 12,1% eingebrochen ist, dürfte man sich bald ebenfalls auf dieses Rezept besinnen.

Die deutschen Produzenten Mercedes und MAN konnten ihre Werte halten. Dabei macht vor allem Mercedes (Marktanteil 23,1%) das Preisdumping nicht mit. Die Schwaben sind allerdings in der glücklichen Position, dass ihr Geschäft auf Hochtouren läuft und sie mit Freightliner auf dem US-Markt die Nr. 1 sind. Die Getriebeproduktion für den US-Markt im badischen Gaggenau hält kaum mit der Nachfrage Schritt. Etwas unglücklicher ist die Lage bei MAN, die in Europa mit 16,1% auf Platz zwei liegen, aber als Nr.1 in Brasilien und größter Importeur in Rußland auch auf zwei besonders schwierigen Märkten unterwegs sind. Kurzarbeit, die bei Mercedes kein Thema ist, ist die Antwort. Während Mercedes in Rußland nur gut 1 000 Trucks verkauft, kommt MAN immerhin auf 6 000 Einheiten. Der von Nfz-Chef Anders Nielsen befürchtete Rückgang um 20% wäre da durchaus spürbar.

Mit weitaus größeren Problemen kämpft unterdessen Renault. Die Volvo-Tochter befindet sich bereits seit vielen Monaten auf dem absteigenden Ast. Zuletzt sank der Marktanteil in Europa noch einmal um 0,7 auf 7,8%. In einigen Märkten wie Deutschland, wo sich der Anteil im Juli auf 1,1% glatt halbiert hat, spielt die einst stolze Marke kaum noch eine Rolle. Eine Ursache sind die Umstrukturierungen in dem mit Ertragsproblemen kämpfenden schwedisch-französischen Konzern, dem u.a. die Deutschland-Zentrale von Renault zum Opfer gefallen ist. Eine klare Differenzierung der Marken Volvo und Renault ist nur noch schwer möglich. Dies ist für die beiden VW-Töchter MAN und Scania Anlass genug, nach draußen sehr auf ein getrenntes Auftreten zu achten, auch wenn es durchaus Fortschritte in der Zusammenarbeit im Hintergrund gibt.

Neue Mautstufe soll 2015 endlich kommen

Auch wenn sich aktuell jeder Hersteller von schweren Nutzfahrzeugen angesichts der geopolitischen Unsicherheiten mit einer Prognose für das kommende Jahr zurückhält, hoffen doch alle, dass eine eigene Mautstufe für die Euro 6-Motoren im wichtigsten europäischen Markt Deutschland endlich wieder zu einer Nachfragebelebung führen wird. Versprochen wurde die Mautstufe von der Politik zwar schon auf der letzten Nutzfahrzeug-IAA vor zwei Jahren (für 2012). Passiert ist indes nichts. Jetzt aber wird es nach unseren Informationen konkret. Spätestens ab Herbst 2015 soll die Mautbegünstigung für die modernen Motoren kommen, so dass die Hersteller endlich auf einen Return für ihre Investitionen in neue Motoren hoffen können. Zusätzlich könnte es dann sogar zu einer insgesamt niedrigeren Maut für Lkw kommen, da diese laut dem jüngst vorgelegten Wegekostengutachten von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt in der Vergangenheit überproportional belastet wurden.

Das Geschäft mit Neufahrzeugen spielt freilich für viele Brummiproduzenten ohnehin eine immer geringere Rolle. Wichtiger wird dafür der After Sales-Markt mit Ersatzteilen, Flottensteuerung oder Servicepaketen. Hier lässt sich oft mehr verdienen als bei den heiß umkämpften Neufahrzeugen. Entsprechend steht auf der IAA neben technischen Neuerungen wie dem von Mercedes in den Mittelpunkt gerückten Fahrerlosen Fahren („Highway Pilot“) das Thema Effizienz und Total Cost of Ownership einmal mehr im Vordergrund.

overlay

PLATOW EXTRA

Das PLATOW Extra ist Bestandteil folgender bezahlpflichtiger Abos:

  • DER PLATOW Brief
  • PLATOW Börse

ARTIKEL DIESER AUSGABE

22. September 2014

IAA Nutzfahrzeuge – China gewinnt an Dominanz

Die Logistik-Branche ist das Rückgrat einer jeden modernen Volkswirtschaft. Ohne den reibungslosen und pünktlichen Transport von Rohstoffen und Vorprodukten sowie der Auslieferung der... mehr

22. September 2014

Reine Nutzfahrzeug-Aktien sind rar

Bei Anlegern, die sich auf die Suche nach Investments im Nutzfahrzeugsektor begeben, dürfte sich zuallererst eine gewisse Ernüchterung breit machen. Es existieren nämlich nur wenige... mehr