Der Kampf um Rendite und für das Allgemeinwohl

Deutschland ist das Land der Stifter. Mehr als 19 000 Stiftungen mit einem Gesamtvermögen von rd. 100 Mrd. Euro engagieren sich bundesweit. Mit ihrem Geld gehen die deutschen Stiftungen meist sehr konservativ um. Eine Stiftung kann ihren Zweck nur dann erfüllen, wenn sie ihre Erträge erwirtschaftet. Darum scheuten die Stiftungen stets das Risiko in der Geldanlage. Niedrige Zinsen treiben die Stifter und Spender nun in ein Rendite-Dilemma. Anlagen, die bisher risikofrei waren, sind heute zusätzlich renditefrei. Wie die deutschen Sparer leidet auch die deutsche Stiftungslandschaft unter der Niedrigzinsphase. Das Gros der Stiftungen hat die Finanzkrise unbeschadet überstanden, bislang sind die Erträge stabil geblieben, nominale Vermögensverluste gab es kaum.

Doch je länger die Zinsen niedrig gehalten werden, desto dünner wird die Luft und um so wahrscheinlicher ist es, dass gerade kleinere Stiftungen ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen können. So verwundert es kaum, dass dieses Jahr die Diskussion um alternative Anlageformen das 4. PLATOW StiftungsFORUM bestimmt hat. Rd. 75 Teilnehmer kamen in Frankfurt im Haus am Dom am 27. November zusammen und nahmen die aktuellen Herausforderungen des Stiftungswesens in den Blick.

Vermögensverwaltung professionalisieren

Der Großteil der deutschen Stiftungen hat in und auch nach der Finanzkrise sein Anlageverhalten nicht verändert. Das liegt keineswegs daran, dass Stiftungsmanager die Zeichen der Zeit nicht erkennen, sondern eher daran, dass die meisten Stiftungen zu klein sind, um eine professionelle Vermögensverwaltung einzurichten. Mit ihrem Vermögen (per 31.12.2012) von 936 Mio. Euro und einem jährlichen Projektvolumen von 20 bis 30 Mio. Euro gehört die gemeinnützige Hertie-Stiftung zu den größten privaten Stiftungen Deutschlands. Mit Bernd Knobloch hat sie einen wahren Finanzexperten als stellvertretenden Vorstandvorsitzenden gewonnen. In seiner Key Speech appellierte Knobloch an Stiftungsmanager, Know-how und In-House- Kompetenz in der Finanzanlage aufzubauen. Vermögensanlage sei Kernaufgabe der Stiftung, um inflationsausgleichend zu wirtschaften. Stiftungen müssten den Banken auf Augenhöhe begegnen, sagte der Ex-Vorstand der Commerzbank, dazu brauche es echte Expertise in den eigenen Reihen. Anlagestrategien müssten zudem heute ständig überprüft werden. Der Blick auf das Hertie-Portfolio zeigt das deutlich: Die Stiftung erwirtschaftete bis ins Jahr 2011 ca. 5% Rendite durch langfristige Bundesanleihen, 2005 war der Bond-Anteil am Gesamtportfolio aber schon auf 47% gesunken, 2013 machen die Bonds gerade noch 26% aus. 42% entfallen heute auf Aktien und Private Equity und 27% auf Immobilien. Die Herausforderung für kleinere Stiftungen mit einer geringeren Managementkapazität ist es, innerhalb der renditebringenden Anlageklassen die Kategorien zu finden, die möglichst risiko- und aufwandsarm sind. So lohnen sich beispielsweise im Immobilienbereich gewerbliche Objekte eher als Wohnimmobilien, da hier der Managementaufwand für Stiftungen mit kleiner Besetzung niedriger ist, so Knobloch.

Dass Stiftungen nicht daran vorbeikommen, ihr Portfoliomanagement umzustellen, daraus machte auch Carsten Klude, Chefvolkswirt bei M.M.Warburg & Co. in Hamburg, keinen Hehl. Sein Ausblick auf den Konjunktur- und Kapitalmarkt 2014 zeigte mehr als deutlich, dass dauerhafter Werterhalt mit deutschen und vermeintlich sicheren Staatsanleihen nicht möglich ist. Ein realer Werterhalt sei nur möglich, wenn der Anleger auf der Risikoleiter ein paar Stufen nach oben geht. Wer seine Allokation heute nicht ändert, der müsse sich über die Konsequenzen im Klaren sein, dass bestimmte Stiftungsvorhaben nicht mehr realisiert werden können, so das bittere Fazit des M. M. Warburg-Experten.

Vom internationalen Vorbild lernen

Aber wie schafft es ein Konservativer, plötzlich risikobereit zu sein? Indem er die analysiert, die seit Jahren äußerst erfolgreich Risiken eingehen, zwischendurch zwar verlieren, aber mittel- und langfristig exzellent dastehen: Die amerikanischen Stiftungen. Cordula Haase-Theobald, Leiterin des Kunden – und Stiftungsmanagements bei Sal. Oppenheim, wagte den Blick über den Teich. Die Universitätsstiftungen von Yale und Harvard oder Amerikas größte Stiftung, die Bill & Melinda Gates Foundation, setzen traditionell auf Aktien. Das führte auch dazu, dass Yale und Harvard im Zuge der Finanzkrise bis zu 30% ihres Vermögens verloren haben. Jeder deutsche Manager würde wohl mehr als nervös werden. Die Amerikaner bleiben aber dennoch zuversichtlich gelassen und brachten mit einem Sparkurs inklusive Gehaltskürzungen, Einstellungs- und Investitionsstopp das Stiftungsvermögen wieder auf die gleiche Höhe wie vor der Krise. Das Harvard-Endowment umfasst knapp 33 Mrd. US-Dollar, das Yales-Vermögen beträgt 21 Mrd. US-Dollar. Der Aktien- und Privat-Equity-Anteil beläuft sich bei Harvard auf 49%, bei Yale sind es 48%. Sie investieren zu gleichen Teilen in inländische, ausländische und Emerging-Markets-Papiere. Alleine bei Harvard hat dies stetig für Zuwachsraten im 2-stelligen Bereich geführt. 2013 waren es 11,3%. Das dabei in Kauf genommene Risiko hat zwar in 2008/2009 zu hohen Verlusten von rd. 11 Mrd. US-Dollar geführt, durch die Beibehaltung der langfristigen Anlagestrategie sei das Harvard-Vermögen aber wieder auf Vorkrisenniveau, sagt Haase-Theobald.

USA ist Inspiration, aber keine Blaupause

Die Bill & Melinda Gates Foundation mit einem Stiftungsvermögen von knapp 37 Mrd. US-Dollar setzt sogar zu 66% auf Aktien. Hier merke man deutlich, wo die Stiftung herkomme, so Haase-Theobald. Ein Großteil sind Microsoftpapiere und Aktien der Holdinggesellschaft Berkshire Hathaway, die Warren Buffett durch seine Zustiftung mit einbrachte. So imposant sich die Zahlen lesen, kopieren können deutsche Stiftungen den amerikanischen Weg nicht. Die rechtlichen Rahmenbedingungen und insbesondere die Ausschüttungsregeln sind zu unterschiedlich. Während deutsche Stiftungen lediglich den wirtschaftlichen Ertrag zur Erfüllung ihres Zwecks einsetzen müssen, sind US-Stiftungen verpflichtet, 5% ihres Vermögens auszuschütten. Allein das macht eine renditeorientierte Anlagestrategie unerlässlich und schließt höhere Risiken automatisch ein. In Deutschland hingegen werden Stiftungen für eingegangenes Risiko eher bestraft als belohnt. Auch die Öffentlichkeit liefe wohl Sturm, wenn publik würde, dass ein Stiftungsmanager einen großen Anteil des Stiftungskapitals am Aktienmarkt verloren hätte, so Haase-Theobald. Dennoch: Anregungen sollten sich Deutsche Stiftungen in Zeiten der Neuorientierung aus den USA holen. Ein gutes Argument für mehr Risiko liefern die Beispiele in jedem Fall und sie zeigen, dass Investments außerhalb angestammter Märkte Vorteile haben. Es gilt aber, die Investitionen in Aktien, Immobilien und Private Equity genau zu prüfen. Eine Blaupause ist die Strategie der US-Stiftungen nicht, einiges sei aber durchaus auf deutsche Stiftungen übertragbar, so Haase-Theobald.

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